Raul Krauthausen - Aktivist

Behinderte Potenziale: Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt

Rollstuhlfahrerin am Eingang
Menschen mit Behinderung haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Zu oft stehen ihre Schwächen und nicht ihre Potenziale im Vordergrund. Unternehmen berauben sich und potentiellen behinderten ArbeitnehmerInnen dadurch vielfältiger Chancen. Ein paar Gedanken dazu.

Allgemeine Befürchtungen

Ein/e neue/r MitarbeiterIn mit Behinderung? Das klingt für viele Unternehmen problematisch.

Da muss dann eine Rampe her. Oder wie ist das mit Blindenschrift? Eine Toilette extra für Mitarbeitende im Rollstuhl? Vom unkalkulierbaren Krankheitsrisiko ganz zu schweigen.

So oder so ähnlich dürften die Argumente in vielen Firmen klingen, wenn es um die Frage geht, ob ein Mensch mit Behinderung als ArbeitnehmerIn in Frage käme. Tatsächlich lassen sich Kosten für Rampen, Blindenschrift oder den Toilettenumbau nicht wegdiskutieren. Aber es gibt hier viele Lösungen und finanzielle Hilfsmöglichkeiten, die zunächst groß erscheinende Probleme rasch lösen können.
Es geht natürlich nicht darum, behinderte Menschen auf Stellen zu besetzen, die ihnen aufgrund ihrer Behinderung unmöglich sind. Aus mir wird kein Dachdecker oder Berufsboxer. Aber in praktisch allen Berufen, die im Büro stattfinden – in Agenturen, öffentlichem Dienst, Versicherungen usw. – bin ich, so wie viele andere Menschen im Rollstuhl, genauso einsetzbar wie jeder nicht behinderte Mensch mit gleicher Qualifikation.
Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass behinderte Menschen weniger Talente haben als nichtbehinderte, nur weil ihre Schwächen offensichtlicher erscheinen.
Das tatsächliche Problem sind die Barrieren in den Köpfen der Unternehmen, Arbeitgeber und Arbeitsämter.

Vielfalt tut Unternehmen gut

Volker Rothaug, Personalleiter bei Siemens in Erlangen, berichtet, dass seine KollegInnen und er sich bei der Suche nach passenden MitarbeiterInnen nicht vom Merkmal “Behinderung” abschrecken lassen. Dadurch kann das Unternehmen auf einen größeren Pool an KandidatInnen zurückgreifen und offene Stellen oft schneller und optimal besetzen. Rothaugs Erfahrung ist es, dass die Arbeitsplatzanpassungen für behinderte MitarbeiterInnen tatsächlich viel geringer sind, als man früher fürchtete.
Ein weiterer positiver Faktor ist die größere Vielfalt, die auch durch behinderte MitarbeiterInnen entsteht: Ihre persönlichen Erfahrungen ermöglichen ihnen meist einen anderen Blickwinkel auf Problemstellungen. So können sie beispielsweise Produkte auf Barrierefreiheit hin bewerten. Gleichzeitig sorgt Diversität in jeglicher Form nachweislich für eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit und macht die Unternehmen als Arbeitgeber attraktiver.

Behinderte Menschen als Arbeitgeber

Behinderte Menschen werden in unserer Gesellschaft vielfach als bloßer Kostenfaktor gesehen. Dass Menschen mit Behinderung auch Potential oder gar einen großen Nutzen für die Allgemeinheit haben können, bleibt bei dieser Sichtweise ungesehen. Hier sollte man Folgendes bedenken: Menschen mit Behinderung schaffen auch Arbeitsplätze. Sie haben Bedarf an PflegerInnen, AssistentInnen und InklusionslehrerInnen und sind zugleich KonsumentInnen mit speziellem Bedarf. In einer Welt, in der die Technik und das Internet der Dinge auch Menschen ohne Behinderung den Alltag erleichtern sollen, sind sie sogar besonders interessante AbnehmerInnen. Beispiele sind hier: Diktierfunktionen für Handys und Computer oder Kühlschränke, die automatisch Produkte nachbestellen, die dann idealerweise direkt ins Haus geliefert werden.

Unser aller Blick sollte sich weg vom defizitorientierten Denken – hin zu den individuellen Stärken und Potentialen jedes Einzelnen bewegen. Die dadurch entstehende Inklusion in Arbeitswelt und Alltag könnte behinderten wie nicht behinderten Menschen neue Horizonte eröffnen.

(sb)


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Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

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  1. Da werden Menschen mit Behinderung auf ihrem Bildungsweg durch Fördergelder unter dem Modewort Inklusion zu einem guten Schulabschluss begleitet, gehen den Weg einer qualifizierten Ausbildung oder Studiums, nur um hinterher im Beruf auf Hartz 4 Niveau mit der Zulage eines 1 Euro Jobbers zu landen. Ich denke das ist nicht sonderlich motivierend.

    Auch pflegeabhängige Arbeitnehmer die auf Grund ihrer Behinderung nicht mehr Vollzeit arbeiten gehen können, kommen trotz qualifizierter Beschäftigung häufig mit ihrem Einkommen nicht auf die Summe sich selbstständig versorgen zu können und landen im Jobcenter mit ALG II. Obwohl ich sie hier auch klar benachteiligt sehe, denn sie können durch die Behinderung nicht 40 Stunden oder mehr in der Woche wie die meisten „Fußgänger“ leisten um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

    Deutschland hat einen Fachkräftemangel. Es wird häufig geschrieben, das bei Menschen mit Behinderungen ein großes Potential zu finden ist, man solle mal die Berührungsängste fallen lassen und ihnen eine Chance geben, zu dem ist es auch meist unter dem Deckmantel der Inklusion staatlich gefördert.

    Ich arbeite gerne, es bestätigt mich, mittlerweile habe ich es nach meinem Unfall auf ein 25-jähriges Dienstjubiläum gebracht – nur ein wenig mehr Fruchtgenuss wäre auch schön um das Leben vielleicht ein wenig lebenswerter zu machen und nicht das ganze Arbeitsleben auf Hartz 4 Niveau in den Fängen des Jobcenters zu verbringen.

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