Die dunkle Seite meiner Behinderung

Ableismus ist Alltag. Und er färbt auch auf Menschen mit Behinderung selbst ab. Wie kriegt man diesen internalisierten Kram wieder weg?

Machen wir uns nichts vor: In unserer Gesellschaft gilt so Manchem eine Behinderung als Makel. Das würden sie lauthals verneinen, aber wir kennen den Blick, den Krampf und dieses derart bemüht Normale, welches am Ende eine Menge ist, bloß nicht normal. Nichts neues unter der Sonne, mag die Leser*in einwenden, aber mich interessiert, was das mit einem macht. Wie stellt sich ein Mensch mit Behinderung dem vielfach an ihn herangetragenen Bild, dass etwas nicht okay mit ihm ist, und dass es dieses B-Wort sei? Ist man immun gegen diesen Ableismus? Oder tröpfelt dieser in einen hinein, internalisieren wir ihn?

Als das Kind Kind war, erlebte es seine Behinderung als „normal“ und nicht als „Schicksal“ – so war es bei mir zum Glück. Als ich älter wurde, geriet es schwieriger mit dem selbstverständlichen Umgang damit. Immer öfters begegneten mir Leute mit übertriebener Fürsorge und Anerkennung, ich erkannte dann von Weitem den Hundeblick. Mir gefiel es dann nicht, oft mit Fremden über meine Glasknochen sprechen zu sollen, das interessierte sie unheimlich, aber nicht die medizinisch durchaus raffinierten Hintergründe, sondern eben die Behinderung als Bürde. Angeblich für mich und unausgesprochen auch für die Gesellschaft, die mich anschauen und ertragen musste, Rücksicht nehmen musste und dann zur Belohnung sich auf die Schulter klopfte, wie toll tolerant sie sei. Es berührt, wie es die Bloggerin Leah Stock-Landis in einem Beitrag formuliert, den Teil in ihr, der sich wertlos fühlt.

„Toxisch“ ist ein Modewort geworden, halt nicht zu Unrecht. Stock-Landis beschreibt die Mühen, sich diesem Teil in sich selbst zu stellen, wie etwa einem dargestellt wird, dass Erfolg im eigenen Leben „trotz“ der Behinderung geschehe. Mich erinnert das daran, wie oft mir weisgemacht wurde, wie schwer ich es angeblich habe, wobei mich viel mehr interessierte, was alles mir schwer gemacht wird. Als ich ein Kind war, las mir meine Mutter ein Kinderbuch über einen gehbehinderten Jungen vor. Ich mochte es, verspürte aber ein unbestimmtes Unbehagen, weinte dabei. Als ich später in der Schule den Film „Die Vorstadtkrokodile“ anschaute, sah ich ihn wie in einen Spiegel und erkannte im rollstuhlfahrenden Kurt mich selbst. Ich dachte: So siehst du also aus, wenn man mit dir zusammen ist. So anders siehst du auch aus. Stock-Landis beschreibt es ähnlich: „Die schambasierte Stelle normalisiert die Idee, dass ‚anders‘ ‚weniger als‘ ist.“

Das macht etwas mit einem. Die Aktivistin Sheri Byrne-Haber hat einige Details in ihrem Beitrag Wie Menschen mit Behinderung behindertenfeindlich sein können zusammengetragen. Da passiert es, dass man sich über „stärker“ behinderte Mitmenschen erhebt und die Nase rümpft, den eigenen Rollstuhl als nicht so schlimm wie eine kognitive Behinderung darstellt und denkt, dass Leute mit einer Hörbehinderung „weniger behindert“ sind, wenn sie sprechen statt mit Gebärden zu kommunizieren. Byrne-Haber seziert die Hierarchien, die Menschen mit Behinderung selbst zimmern, um sich in einer ableistischen Welt besser, oder „normaler” zu fühlen. Und erzählt von Leuten, die am Arbeitsplatz ihre Behinderung verheimlichen. So ist es, wenn in den Medien vielfach Menschen feilgeboten werden, die ihre Behinderung „überwunden“ haben oder „geheilt“ wurden. Eben alles „trotz“.

Dieser Inspirationsporno ist hinreichend beschrieben worden. Wie auch Menschen mit Behinderung zu Regisseur*innen und Hauptdarsteller*innen solcher Inspirationspornos werden können, hat die Journalistin Hannah Shewan Stevens über sich selbst in dem Artikel I used to make inspiration porn – it’s time we killed it off for good geschrieben. Darin beschreibt sie ihre Versuche, dem „normalen“ Leben möglichst nah zu kommen und bei ihrer Arbeit als Journalistin nicht als behindert wahrgenommen werden zu wollen – denn die Behinderung galt als Bürde und ihre Überwindung als Inspiration. So lautet zumindest die Logik des Ableismus. Sie erzählt, wie sie selbst die gleichen „inspirierenden“ Geschichten über behinderte Menschen schrieb. Doch irgendwann umarmte sie ihre eigene Behinderung. Hörte mit diesem Kram auf, schwieg aber weiterhin noch über sich und über diese Pornos in ihrer Arbeitswelt.

„Ich glaube, unser internalisierter Ableismus macht es schwierig, den Schaden zu erkennen, den Inspirationspornos in unserer Community anrichten“,

fasst sie zusammen. Der Dreh sei stets der gleiche: Menschen mit Behinderung zählen etwas, wenn sie sich in einer Welt behaupten, die für Menschen ohne Behinderung gemacht ist.Ich selbst wollte früher in meinem Arbeitsleben durch meine Leistung respektiert werden, und nicht durch die Tatsache meiner Behinderung. Das ist normal, führte aber auch dazu, dass ich ein Stück weit vor meiner Behinderung wegrannte. Bloß nicht Berufsbehinderter werden, dachte ich. Irgendwann merkte ich, dass diese Logik etwas verhinderte/behinderte. Ich begann, mich inhaltlich mit meiner Behinderung auseinanderzusetzen, so wie es Hannah Shewan Stevens für sich erzählt oder wie es Leah Stock-Landis formuliert:

„Die einzige Akzeptanz, die meinen Geist freisetzt, ist die Akzeptanz, die ich mir selbst gebe.“


Auch mit meinen Podcast-Kollegen von Die Neue Norm, sprach ich über den internalisierten Ableismus:

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  1. Guten Abend Raul Krauthausen, besten Dank für den berührenden Beitrag.
    „Der rollstuhlfahrende Kurt“ aus Vorstadtkrokodile – ich erinnere, wie ich mit Neffe und Neffin im Kino saß, es war dunkel und ich fing bei dem Film an zu weinen, ich konnte nicht aufhören, mühte mich damit, bevor der Film zu Ende war, aber es ging nicht. Meine Schwester holte uns ab und fragte besorgt: Was ist denn mit Dir, warum weinst Du?“ Ich sagte, dass mich die Vorstadtkrokodile so sehr berührt habe, ich wisse auch nicht wieso.
    Als ich Hedi Schneider… (ich weiß nicht mehr genau, wie er weiter heißt) sah, es ging um eine junge Frau, die ihren Job nicht mehr schaffte, war es wieder so, ich heulte und heulte.

    Noch viel früher sah ich „IP-5, Insel der Dickhäuter“ – gleiche Sache. Dabei heule ich selten, ganz selten eigentlich, aber bei diesen drei Filmen da läuft´ s.

    Dann gibt es Musikstücke, die ich gerne höre – aber Raul, es ist so. Ich mag mich nicht mit meiner Behinderung auseinandersetzen, ich möchte einfach leben, einfach so wie ich bin, drauf los. Das ist für mich die Auseinandersetzung mit meiner Behinderung, ich setze mich damit auseinander, wie es ist, sich nicht damit auseinander zu setzen.

    Das ist wie mit dem Thema Sex – da spreche ich auch nicht drüber, den habe ich oder habe ich nicht.

    Es gibt Themen, die will ich nicht beschreiben, nicht besprechen – und ich gönne mir das, ich gönne mir das „Nein“ zu Themen, die ich einfach auch nicht mit mir selbst ausmachen will und nicht besprechen will.

    Ich finde schon, dass es auch eine berechtigte Freiheit ist, offene Türen, offene Fenster für sich ganz allein in der Welt der Kultur, der Literatur, der Musik, der Filme, der Bilder zu finden.

    Auch finde ich den Unterschied wichtig zwischen wissenschaftlicher Sucharbeit und dem inneren eigenen Undefinierten. Ich möchte es dabei belassen. Ich suche und schreibe, wenn ich etwas Suche. Ich bleibe innen, wenn ich etwas fühlen möchte. Da komme ich nicht nach draußen, dazu stehe ich.

    Einen schönen Abend und eine gute Nacht. Wie immer ein sehr schöner Beitrag.

  2. Etwas möchte ich noch nachsetzen zu dem Tweet – Freundschaft = Inklusion.
    Für mich gilt: Menschen = Inklusion.
    Ich muss mit niesmand befreundet sein, der die Würde hat, inklusiv mit mir zu leben, die Würde hat jeder Mensch, nicht nur mein Freund, meine Freundin.
    Den Freundschaftsbegriff fasse ich eng, denn er ist ein privater Begriff für mich, Inklusion ist öffentlich, niemand muss sich mit mir anfreunden, um sich sicher sein zu können, dass ich seine oder ihre Inklusion in der Gesellschaft wünsche.
    Das wollte ich gerne noch dazu schreiben.

  3. Guten Morgen Raul Krauthausen, besten Dank für heutige Handgepflückte, die mich auch noch einmal zu diesem Beitrag bringen.
    Ich empfinde eine Hürde sehr deutlich, es geht um Geschichtsschreibung. Vielleicht empfinde ich es auch heute deutlich, weil ich mich nachher digital ins Abgeordnetenhaus begeben will, es geht um die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Gestern las ich ein neues Buch dank Klaus Leutner und hatte wieder das Gefühl: Mir fehlt etwas, die Aufarbeitung des Antisemitismus. Ich lese heute morgen von Annette Neumann und Bärbel Schindler-Seafkow „Die Freiheit, sie ist das Erntegut“, ich lerne Menschen aus Steglitz-Zehlendorf kennen, wie Max Klamm aus Zehlendorf oder Cäcilie Bode aus Lankwitz, Widerständler, so heißt es, aber sie überlebten und konnten arbeiten, unter den Nationalsozialisten und auch in der DDR. Juden konnten das nicht, und es hing nicht davon ab, wie geschickt oder wohlorganisiert sie im Widerstand gewesen wären.
    Ich spüre, ich bin etwas genervt von den vermeintlichen Erfolgsgeschichten des Widerstandes, die mir zu wenig die „dunkle Seite“ des Antisemitismus mit in die Betrachtung bringen. Und ich möchte, dass sich das ändert. Ich stehe mit meinem Wunsch vor einer relativ hohen Mauer, sie ist aus Vermögen gebaut, nicht aus Denkweisen oder Gefühlslage, aus Vermögen ist sie gebaut und deswegen so schwer abzutragen. Transparenz ist die erste Voraussetzung. Die Hürde, die Barriere ist die Finanzierung der Informationsfreiheit für jeden. Das ist wichtig, denn nicht jeder sieht meine Barriere, meine Hürde, nicht jeder fühlt oder denkt so unangenehm, wenn er /sie über vermeintlich „erfolgreiche“ Widerständler liest. Die Vielfalt muss sein, aber ich sehe, dass gerade bei dem Thema Widerstand viel auf den Leistungsgedanken rekuriert wird, man war Techniker, kabelte was das Zeug hielt, schaffte es irgendwie sogar noch 1942 ein gutes Zeugnis von den Nazis ausgestellt zu bekommen.

    Liebe Mitmenschen, nee! Wem es noch so gut ging, vergleichsweise gut, der war von dem Feindbild, welches sich die Nationalsozialisten vom Juden erschaffen hatte, meilenweit entfernt, das sei den Menschen gegönnt, aber tut doch nicht so, als wäre das eine Frage der Klugheit oder Geschicklichkeit gewesen, ob einen die Nazis in den Ofen geworfen hätten oder nicht.

    Gedanklich bin ich schon einmal „vorgeglüht“ für das Abgeordnetenhaus und freue mich auf den Parlamentstag, der aber wohl wieder nicht für alle den ganzen Tag zu haben ist, und das ist das eben wieder mit der Finanzierung der Informationsfreiheit für alle.

    Besten Dank Raul Krauthausen.

  4. Zur Frage: Wie kriegt man das wieder weg, das mit dem „Ableismus“. Ich glaube durch „Ableismus“, verstanden als Bildungsrecht für jeden und barrierefreie Bildung für jeden. Es kann dann auch jeder für sich entscheiden, wie Leistung verstanden werden kann und nicht. Der Verzicht oder die Behinderung daran, sich auch beruflich befähigen zu können, mitzumischen im Alltag – denn das hat sehr viel miteinander zu tun. Die Weise, wie ich heute im Ruhestand selbst bestimmt und frei schreibe, habe ich mir ja über meine Bildungs- und Berufslaufbahn mit erworben, nicht nur, ich werde älter, diese Laufbahnen rücken weiter nach hinten, Reisen, Bücher, Twitter, Tagesspiegel, die Handgepflückten rücken mehr in den Vordergrund – aber: Das Grundmuster, die Struktur – das ist ein langfristiger Weg, der kommt nicht übers Jahr – Ich hatte Glück, wurde akzeptiert, 4,5 Jahrzehnte lang, immer angespannt, immer etwas abgewandt, aber 1, 2 Freunde hatte ich auch immer, ohne die wäre der Druck zu viel geworden. Immer irgendwas übersehen, Arbeitsaufgaben (Blatt nicht gesehen), Lösungsblatt mitgeliefert (nicht gesehen) Primanotenliste vorm Tresor vergessen, nicht reingelegt (irgendwie vergessen) 400 Schweizer Franken verloren gemacht (Bericht für die Innenrevision verfasst, das half), die schwierigste Matheaufgabe gelöst, alle anderen nicht gekonnt (durchgefallen), Träumerin, Schreiberin, Schreiberin – akzeptiert war ich immer, gut gefunden wurde, was ich gut konnte, nicht gut gefunden wurde, was ich nicht gut konnte. Note 1 und Note 5 ergeben Summe 6, geteilt durch 2 eine gepflegte 3. Freier Vogel, was willst Du mehr? Manchmal schaffte ich die Zwei, an der Sparkasse, so ganz knapp, 81 % – wer sie nicht schaffte, bekam ein Jahr lang weniger Geld, danach wie die anderen, das war 1988. Die Bankausbildung war toll, es war mir aber zu viel Zahl, die Mischung passte nicht, aber sie war toll, richtig gut, sehr viel gelernt, ein wesentlicher Teil meiner heutigen Arbeitsweise noch immer. Im Studium wieder akzeptiert, hier schaffte ich die 2 aber nicht mehr, die 3 eben, manchmal mit etwas Nachkommastelle, meine Leidenschaften immer noch 2, aber nicht mehr 1, paar Fünfen mehr, ich liebte das Studium, vor allem Wirtschaftsgeschichte, hier lernte ich, dass man aus Jahrhunderten lernen kann, das nichts zu alt wird, beachtet zu werden. Dann durfte ich Lehrerin werden, es war schwierig, einen passenden Beruf zu finden, ich bin schwierig in beruflichen Dingen, kann das leider nicht ändern. Ich lernte, mit viel Schweiß und klopfender Schläfe, kommunizieren, es dauerte, hatte eine Durchfallerklasse (75 %) auf meinem Konto, entschuldigte mich, fühlte mich auch schuldig, es lief holprig die ersten Jahre – dann hatte ich es rau, es klappte. Ich wurde besser und kritischer, aber auch müder. Die Daueranspannung wirkte sich aus, ich glaube persönlich nicht, dass andere für meine Hochspannung „verantwortlich“ wären, ich bin es auch nicht: Ich bin eben ich.
    Seit ich im Ruhestand bin, sehe ich meine Geschichte anders an, ich stelle fest, ich weiß ganz viel gar nicht, vor allem nicht über die strukturelle Seite des Antisemitismus, sie wurde verschwiegen, man muss etwas Wirtschaftsgeschichte können, um sie zu sehen.

    Was ich alles ausprobieren durfte, muss jeder Mensch ausprobieren dürfen, auch der, dem man seine Behinderung ansieht, es ist ein Menschenrecht, „able“ sein zu wollen, sich abzurackern dafür, wenn man will, sich weniger abzukämpfen, wenn man nicht kämpfen mag.

    Ich will zeigen, dass ich „able“ bin, die strukturelle Seite des Antisemitismus zu zeigen, und wenn noch nicht komplett heute, dann eben demnächst. Heute Nachmittag beim Tagesspiegel geht es um die Enteignung einer Bank und was das hieß für Lichterfelde, und es sage keiner, Antisemitismus habe kaum eine Rolle gespielt.

  5. Eiskalt wurde die Bank der Deutschen Arbeit AG arisiert, von Sozialdemokraten, Kommunisten, Juden befreit, was auch hieß, es wurde viel Platz frei, viel Geld verfügbar, dazu schrieb ich im Tagesspiegel über die Geschichte vor und nach Kurt von Schleicher. Es ist aufwändig Geschichte zusammenzufügen, manchmal fallen Nachrichten weg. Im ersten Heft Klaus Leutners, der sich sehr für die Geschichte des KZ-Außenlagers Sachsenhausen in Lichterfelde engagiert, gab es ein Literaturverzeichnis und Quellenangaben, ich fand die Ausgabe im Heimatmuseum Lichterfelde, wo ich sie aber nicht kopieren konnte. Ich fragte damals Klaus Leutner, warum die Folgeausgabe von 2013 keine Quellenangaben und kein Literaturverzeichnis hätte, erhielt aber darauf keine Antwort, was mich ärgerte, vielleicht hatte ich auch etwas schroff nachgefragt, ich war empört. Das neueste Buch von 2020, mit dem Titel „Das KZ-Außenlager in Berlin Lichterfelde, Metropol Verlag, hat Quellenangaben und ein Literaturverzeichnis, aber dafür fehlen jetzt einige Informationen zur Arbeit der Häftlinge, zu ihren Einsatzorten, jetzt soll es vor allem die Spinne gewesen sein. Ich denke zwar auch, dass die Spinnstofffabrik Zehlendorf Aktiengesellschaft eine größere Rolle spielt, aber nicht nur, zumal es immer noch das Rätsel um den Tod Adam Löhrs gibt.

    Wenn von Werk 1 bis Werk 3 alles drin gewesen wäre, müsste ich ganz bestimmt weniger suchen. Es wäre aber völlig falsch, dies dem Autor primär anzulasten- jeder Schreiber, jede Schreiberin braucht diejenigen, die die Texte auch zulassen, vollständig mit drum und dran.

    Informationsfreiheit, und die Freiheit, die Information auch irgendwo dokumentieren und archivieren zu können – sonst hilft es über den Tag hinaus noch immer nicht.

    Mich regt sowas auf, nennt es körperlich, nennt es psychisch – ich will mich mit euch austauschen, ohne Barrieren, ohne Löscherei, ohne Versteckspielerei.

    Besten Dank Raul Krauthausen, ich gehe mal wieder etwas Offline, ich wünsche viel Sonne und baldmöglichst schöne Reisen. Morgen bin ich noch etwas unterwegs digital, aber nicht mehr viel.

    Herzliche Grüße, einen schönen Dienstag noch.

  6. Guten Abend, Raul Krauthausen, ich war heute dank Tagesspiegel, im Zuge meiner Arbeit zu Kurt von Schleicher bis nach Himmelpfort gekommen, wo ich die heraus geekelten Michaelis fand, Leonor wurde Biochemiker in den USA, es muss in Himmelpfort ähnlich zugegangen sein wie in Giesensdorf und das schon vor Hitlers Machtergreifung, aber der tief sitzende Antisemitismus rollte Hitler den Teppich aus, leider. Klar, ich wäre auf der anderen Seite gewesen, Kosmopolitin, Semitin, hätte das Leben in einer pluralistischen, inklusiven Welt jederzeit hoch halten wollen, in meinen Träumen wäre Sophie Scholl meine besten Freundin gewesen – aber da ist die dunkle Seite, die Seite meiner Begeisterung für Menschen, die ich mag. Das kommt sehr selten vor, dass ich Menschen mag, und ich bin sofort zutiefst, vom Scheitel bis zur Sohle angetan, wenn ich auf solche Menschen treffe – und dann, es ist leider so, ist mein Urteilsvermögen in eigener Sache getrübt. Kurt von Schleicher, der nicht so viel gereist sein soll, kam zumindest bis Garmisch-Partenkirchen, wo ich als Kind – Vater war bei der Bahn, es gab ein Angebot für Bahnmitarbeiter – mal war, wir kletterten in die Partnachklamm, das war toll – Höhlen sind immer toll gewesen. Aber das Haus bei Ankunft! Noch nicht fertig, staubig – ich weinte, und wollte nach Hause. Es war nicht leicht, mich rumzukriegen. Aber das ist meine Selbstbestimmtheit, nicht die dunkle Seite.
    Die dunkle Seite zeigt sich im Sport – ich kann mich nicht durchsetzen – weil ich gefallen will, immer schon, so war der Sportunterricht immer der ungnädigste Ort der Fremdbestimmung, aber ich sagte ja auch nichts, versuchte es hinzukriegen – wir fuhren auf Klassenfahrt, zwei Mal war ich Skilaufen mit zwei verschiedenen Schulen. Einmal entzündeten sich meine dicken Zehen (die „dicken Onkel“), genauer die Nagelbetten, wir hatten die Leih-Ski-Schuhe kurz anprobiert, ich hatte gemeint, sie passten – nun flammten die dicken Zehen, rot, eitrig.
    Morgens presste ich sie schmerzverzerrt in die Schuhe – waren die Füße erst drin eingezwängt, war es wie Betäubung, dann ging es. Abends mit viel Schmerz drängten die geschwollenen Zehen mit Wucht an die Luft – nach einiger Zeit tat es wohl, aus den Schuhen raus zu sein, dann ging es. Beim Abendessen sagte ich zu meinem Klassenlehrer, den ich sehr schätzte: „Meine Zehen sind entzündet, ich glaube, von den dicken Zehen werden die Nägel abgehen“.
    „Das kann nicht sein“, sagte der von mir sehr veerhrte Lehrer L. „Wenn das so wäre, das würdest Du ja gar nicht aushalten“.
    Ich lächelte hingebungsvoll und ging mit der Erkenntnis zu Bett, dass es gar nicht so schlimm sein könne, denn sonst würde ich es ja gar nicht aushalten.
    Als ich nach Hause kam, erschrak meine Mutter über den Zustand meiner kartoffelig dicken, lila verfärbten Zehen, deren Nägel bei den „dicken Onkeln“ verloren waren. „Hast Du denn nichts gesagt, die sehen ja schrecklich aus“? fragte meine Mutter. „Klar“, sagte ich, „aber Lehrer L. sagte, es könne nicht sein, da dachte ich, dann ist es auch nicht schlimm“

    Mit dieser Erklärung war es auch für Mutter nicht mehr schlimm – und: Glück gehabt, es erwies sich im Nachhinein auch nicht als bleibend schlimm – die Nägel eiterten weg – dann ging es weiter mit neuen Nägeln, schmerzfrei.

    Vielleicht ist aber diese „autoritätshörige“ Denke, die mich behindert hat in der Situation – aber: Und das finde ich wichtig: Die Bereitschaft, einer autoritären Ansage „Das kann nicht sein“ zu folgen, beruhte nicht primär auf Befehl oder Härte des Lehrers L. Lehrer L. war keineswegs hart in der Führung seiner Schüler/-innen. Sie beruhte auf meiner Begeisterung und Überzeugung von der richtigen Arbeit des Lehrers L.

    Darüber muss für die Bildung auch gesprochen werden – Einen Schüler/ – eine Schülerin können auch Harmonie und Bestnoten für verehrte Lerkräfte behindern, die Realität zu sehen, die eigene Realität zu verteidigen – das ist die „Ich-Stärke“, die ich habe, wenn ich abständig bin von meinem Gegenüber, emotional kalt – bin ich eingenommen, begeistert, überzeugt – schmilzt die „Ich-Stärke“ weg, lieb ist mir das nicht, aber es ist so.

    Ich sage ja: Das positive Urteil, und es mag noch eine echte Bewertung der fachlichen Qualität beinhalten – Schülerschaft hat da einen recht klaren Blick und den hatte ich auch, Lehrer L. hat mir Sprachen gut beigebracht – die emotionale Begeisterung kann den Schmerz verleugnen lassen, das jedenfalls ist noch eine „dunkle Seite“ meiner Behinderung.

    Besten Dank, Raul Krauthausen, wiederholt für den Beitrag, einen schönen Abend.

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