Das Problem mit der Inspiration

Oft ziehe ich mit Vorträgen über Inklusion durchs Land. Da stellt sich schon die Frage, ob ich damit ungewollt Klischees verteile. Was macht also gutes Reden aus? Hier ein Auslotungsversuch.

Als Handlungsreisender in Sachen Inklusion mache ich oft eine Alltagserfahrung: Bei einem Vortrag rolle ich auf die Bühne und sehe vor mir Leute, von denen Menschen mit Behinderung wissen, dass sie nur wenig über uns wissen. Das ist nicht naseweis oder arrogant, sondern schlicht so. Daher reden wir ja miteinander. Wo aber Wissen fehlt, entstehen Luftschlösser. Aus denen heraus reden dann Menschen ohne Behinderung über uns – und dann sind wir schnell beim leidigen Patronisieren.

Als Redner kann ich dann diese Vorstellungen bestätigen oder Zweifel an ihnen säen. Ich kann jedenfalls leicht etwas falsch machen, oder um es mit Facebook zu sagen: Es ist kompliziert.

In Zeiten von Corona bin ich viel darüber ins Grübeln gekommen, das mit den Vorträgen ist nun ja auch weniger geworden. Dabei bin ich auf einen Blogbeitrag gestoßen, den ich teilen möchte. Gary Karp beschreibt darin die nicht wenigen „motivational speakers“, die erfolgreich über ihr Leben mit Behinderung sprechen – die aber an den bestehenden Klischeebildern kaum rütteln. Denn bei den Zuhörern kommt oft der Eindruck zustande, dass die Behinderung den Ausgangspunkt für eine wundersame Wandlung darstellt, für eine Story wie Phönix aus der Asche oder eben eine Saga, wie die Behinderung überwunden wurde.

Meiner Meinung nach aber sind nicht Behinderungen zu überwinden, sondern die behindernden Umstände von außen, die auf Behinderungen antworten.

Ich fühle diese Blicke, wenn ich auf eine Bühne fahre. Eine Herzlichkeit im Publikum, die mich anrührt, auch Neugierde – aber ebenfalls ein Kribbeln unter Zuschauern, die es schön finden sich betroffen zu fühlen. Eine Gefühlsduselei liegt zuweilen in der Luft. Betroffen indes sollte man, eben, von den Umständen sein, nicht von einer Behinderung.

Deshalb ist es für mich da oben ein komisches Gefühl. „Der hat es geschafft“, lese ich in manchen Augen. Und es stimmt ja auch zum Teil: Ich habe geschafft, dass ich nicht in einer Werkstatt Kugelschreiber zusammenstecke. Hätte mir gut passieren können. Daher habe ich früher bevorzugt, über meine eigene Behinderung nicht zu erzählen, sondern gleich die Umstände anzugehen.

Damit aber verpasse ich eine Chance, über die Gary Karp auch schreibt, nämlich wie sinnvoll es ist, Zuhörer zum Teil der eigenen Reise zu machen. Ich habe schließlich nichts dagegen, ein weiteres Mal eingeladen zu werden; es geht schon weniger um die Befriedigung meines Egos als um die Sache – und das ist die Inklusion, die Verwirklichung von Menschenrechten. Daher denke ich, dass Beides geht: Von eigenen Erfahrungen erzählen und gleichzeitig die Zweifel säen, welche Klischees annagen. Immerhin gewann ein Politiker einmal eine wichtige Wahl, als er den Slogan brachte: „It’s the economy, stupid!“ Bill Clinton wandte sich damit im Jahr 1992 an die Arbeiter als potenzielle Wähler – und berührte einen Kern. Eine Struktur. Und weil die oft für Menschen mit Behinderung schlechte Bedingungen schafft, müssen wir über sie reden.

Es ist also durchaus okay, wenn wir andere Menschen inspirieren – aber mit der Struktur im Hinterkopf. Geht es nur ums Anglotzen von uns als Objekte, die ihre eigene Misere überwanden, ist man schnell bei dem angelangt, was Stella Young Inspirationsporno nannte. Dabei können wir viel mehr. Gary Karp hat es notiert: Menschen mit Behinderung können viel über Anpassungsfähigkeiten erzählen. Sie wissen auch, was es heißt, sich zu akzeptieren, wie man ist. Sie versuchen ferner Probleme zu lösen, indem sie ihre Unabhängigkeit nicht aus der Sicht verlieren. Und sie kämpfen für das Recht auf ein Leben, von dem sie wissen, dass es möglich ist.

Wenn das keine Inspiration für alle ist!



6 Antworten zu “Das Problem mit der Inspiration”

  1. Hallo Raul, auch ich bin unterwegs mit dem Thema Inklusion (häufiger allerdings als Motivational Speaker und Führungskräfte-Trainer, was beides mit Inklusion auf den ersten Blick nichts zu tun hat). Mein Ansatz ist nicht das „Überwinden“ einer Behinderung, sondern das „Arrangement“ damit. Außerdem versuche ich dem Thema die bleierne Schwere des Schicksals zu nehmen, nämlich durch Humor (in Wortspielen und Cartoons). Es kommt auf Offenheit, Neugier und gelingende Kommunikation an – also auf die Haltung. Und aufs Tun statt Beklagen. Viele Grüße, Matthias Berg

  2. Hallo Raùl,
    thx für deinen Beitrag. Besonders angesprochen hat mich heute, wie du die Menschen beschrieben hast die „ebenfalls ein Kribbeln unter Zuschauern, die es schön finden sich betroffen zu fühlen.“
    Das eröffnet für mich die Frage, kann denen geholfen werden oder besser ignorieren und wegschauen? Bestenfalls suchen diese Leute in Foren, in denen ausgiebig über die persönlichen Leiden, Ängste, vergeblichen Bemühungen oder sonst erlittener Frustration berichtet wird nach Gleigesinnten und verabschieden sich ins Private. Von dort melden Sie sich dann zurück mit einer neuen Dimension an Frust, dem es gut tut, Menschen zu begegnen, denen es vermeintlich noch schlechter geht. So eine Art Saunaeffekt für deren kranke Seele. Puh – das ist vielleicht falsch. Dann müsste ja zuvor geklärt werden, ob eine Seele krank sein kann und was ist denn Seele?
    Wie dem auch sei, bleiben wir dabei, nur Barrierefreiheit macht für uns real den Weg frei.
    Und – weiß nicht mehr wie es geschrieben habe, wir sollten uns „in echt“ wie Kinder sagen würden mal zum Gedankenaustausch treffen.
    Herzliche Heike Claude Esser

  3. Lieber Raul Krauthausen,
    besten Dank für den Beitrag – ich finde besonders den Verweis auf die „Struktur“, das unsichtbare Ding, wichtig, glaube aber, dass die Wirtschaft nur einen Aspekt abbildet, wiewohl einen wichtigen, denn wo gewirtschaftet wird, wird auch Geld verdient und Geld regiert ja schon irgendwie die Welt.
    Trotzdem: Was heißt schon „Wirtschaft“? – genau darum werden ja die schärfsten Debatten geführt, die manche Partei fasst zum Zerreissen zu bringen scheint. Warum ist die „Wirtschaft“ einmal ein Schrittmacher hin zur Gleichberechtigung und das andere Mal ein Bremsklotz dagegen?
    Aktuell könnte ich das nicht einmal sagen, inwieweit die „Wirtschaft“ dem Thema Inklusion zuträglich oder abträglich wäre – ich weiß es nicht. Ich brauche deshalb vor allem die Möglichkeit, mich schlauer machen zu können, den freien Fluss des Wissens und den Austausch, nur so kann ich dann zu einer Einschätzung kommen. Ich kann z. b. nicht so ohne Weiteres sagen, dass ich deshalb so wenig über Juden in Nordafrika weiß, weil die „Wirtschaft“ so was nicht finanzierte. Für mich bleibt es bei „It ´s the Government, stupid“.
    Zum „Gedankenaustausch in echt“ treffe ich mich nur mit 3 Leuten, das genügt, wenn ich etwas über Strukturen, z. B. strukturellen Rassismus lernen will, muss ich auf den einzelnen Menschen gar nicht persönlich eingehen, ich würde mir auch nie erlauben, die Struktur eines Menschen wissen zu können oder zu wollen, mich interessiert das „Zwischen-Menschliche“, welches ich mir durch unterschiedliche Quellen erarbeite, in deutscher Sprache sind die Barrieren höher als auf Englisch, das kann ich selbst feststellen, ganz alleine – der Austausch bringt mir schriftlich mehr, für mich ist das echt. Echt!

  4. Guten Morgen Raul Krauthausen,
    Zeitmanagement – Yield Management – wie auch immer, hier bin ich um 7 Uhr erste „Schreibamtreihe“, Tagesspiegel kommt später dazu – es ist wie im Hafen für Schiffe – was sind Sie, wollen Sie sein? Kapitän, erster Stewart oder Lotse?
    Ich will Lotsin sein, auf dem kleinen Boot, wissen, wie das große Schiff raus kommt, denn ich will auch wissen, was unter der Wasseroberfläche los ist, mit weniger Material dichter ran an die Ziele – nicht mit dem Eisbrecher alleine überall durch brechen, sondern ohne Brüche durch schippern, wandern, fahren. Mir wäre egal, ob ich Inspiration wäre – oder: von mir aus, meinetwegen wäre ich es. Wichtiger für mich ist aber, was ist meine Inspiration? Das ist wichtig für mich, denn Inspiration lockert mein Denken, lockert die Rechenwege, die Rollen. Mich inspirieren Texte, Briefe oft, ältere, manchmal hunderte von Jahren alt. Es gibt dort Schuldverschreibungen mit Kunst vorne drauf, im Buch Klosterstrasse 36, Sammeln, Ausstellen, Patentieren. Zu den Anfängen Preußens als Industriestaat, Geheimes Staatsarchiv, Preußischer Kulturbesitz, Direktor Jürgen Klosterhuis Berlin-Dahlem 2014, wird Christian Peter Beuth zitiert, es geht um einen Brief an den Minister für Handel und Gewerbe von Bülow, S. 116 „Was die Geschäfte anbetrifft, so wäre die Leichtigkeit Anleihe zu machen wahrhaft lächerlich, wenn dabei nicht der Kaufmann die Hauptsache wäre, der sich an die Spitze stellt. Ein Fürst der Wilden, in dessen Lande Magahoni Holz wächst – der Papas, einem unbekannte Volke an der nördlichen Küste von Südamerika, bekannt durch seinen adoptierten Sohn, einem Matrosen Mac Gregor aus Schottland, der nicht lesen und schreiben kann, [bekannt durch] den Appetit, Staatsschulden zu machen. Er leiht 200.000 Pfund, die Obligationen dieser Anleihe stehen ganz fürtrefflich und sehen sehr schön aus, denn sie sind von Congreve und unnachahmlich.“
    Es ist wie heute, so machen es doch immer noch Verantwortliche auf der Welt! Aber Hans Graf von Bülow, der so inspirierte, hat nicht einmal eine Biographie im Deutschen Historischen Museum abgekommen, dort wird mit Geschichte inspiriert und Kunst zum Thema, aber nicht mit dem Lebenslauf. Und Christian Peter Beuth ist im Deutschen Historischen Museum medaillenschwer unterwegs, aber nicht mit Lebenslauf. Warum nicht?
    Um die Personen, beides Staatsbedienstete sollte man nicht streiten, nicht um Herkunft, aus der ehemaligen DDR oder woanders her, jeder /jede muss gleichberechtigt Würdigung finden, wie soll sonst der Mauerweg durchlässig werden, man kann sie menschenwürdig vorstellen. Aber was ist wichtiger: Ding oder Mensch, und dann ist doch wohl der Mensch, jeder Mensch wichtiger und angesichts knapper Kassen, müsste doch der Lebenslauf rein, und vor allem die eigenen Texte, Reden, Bilder auch. Der eine will es hier hin haben, der andere da hin. Aber wo bleibt man mit denen, die wandern, hier sind und da sind? Wo wollte ich sein, nach meinem Leben, wo sollte mein Lebenslauf sein? Da, wo ich es war/bin, in Berlin, nicht da, wo ich her komme, nicht da, wo ich mal sterben werde, nicht da, wo ich als Kind mal war, mal niedlich aussah, mal jemand ein günstiges Foto machte – und, und, und.
    Dinge inspirieren mich mehr als Menschen, mich locken die Museen, ich wäre sehr neugierig geworden wegen des Bildes auf der Anleihe, nun hätte ich aber zurück schreiben müssen, wäre ich Empfängerin des Briefes gewesen: “ Herr Beuth, letzte Verwarnung! Das „Wilde“ verbitte ich mir und den abfälligen Tonfall gegen Mac Gregor ebenso. Ich mahne sie ab“ Aber die Post war langsam, schon lag diese wunderbare Congreve Arbeit da, und dann nahmen die Dinge ihren Lauf und nehmen ihn noch immer. Die Post ist schneller geworden, aber nicht jede Information wird Post, das eigentliche Geld liegt in der Information selbst inzwischen. Yield Management verteilt den Kuchen.
    Zeit, mal etwas zu verändern, finde ich. Southampton, Kurt von Schleicher und der Traum vom unsinkbaren Schiff – später mehr dank Tagesspiegel. Einen schönen Samstag, besten Dank für den inspirierenden Text und das freiheitliche Forum Raul Krauthausen.

  5. Guten Morgen Raul Krauthausen, besten Dank noch einmal für den inspirierenden Beitrag. Sie „rollen auf die Bühne“ – und dann braucht es einen Kameramann, denn sonst können Sie Ihre Bühnenrolle nicht teilen, nicht über den Bühnenrand hinaus, nicht über das Publikum im Saal hinaus. Gefilmt werden Sie von jemand anderes. Im heutigen Podcast des Tagesspiegel, Dank an Ann-Kathrin Hipp für das Interview, erklärt Rapper Megaloh, er wünsche sich eine eigene Filmkamera, was aber seinen Wünschen entsprechend eine sechsstellige Summe erfordere. Das ist eine „Machtbegrenzung“ und von diese wiederum kritisiere die Partei die „Basis“, für die sich der Kommissar-Darsteller aus Babylon Berlin einsetzt, darüber schreibt der Tagesspiegel.
    Kommissar habe ich auch mal gespielt, auf der Realschule, im Stück: Nachruf auf eine Eule. Es kam dahin, dass mein Mathematiklehrer glaubte, ich spiele ihn, mit hoch rotem Kopf lief er schimpfend durch den Saal – noch Tage und Wochen später war dieses Problem Gesprächsstoff, meine beste Freundin, die ebenfalls eine Rolle hatte im Stück, erinnert es auch noch, als wäre es gestern gewesen.
    Dann wurde ein Film wohl zensiert, 1967, es ging um Kurt von Schleicher und eine Filmszene – „er“ soll auf Jagd gewesen sein, aber was heißt schon „er“?
    Kam der Film weg, weil sich Leute so aufgeregt haben wie mein Mathelehrer damals – Fiktion für Realität nahmen und die Inspiration lieber unterdrücken wollten, damit die Fiktion sich nicht doch noch als Realität erweisen könnte, weil Forscher sich daran machen könnten, zu fragen „Wenn könnte Kurt von Schleicher gejagt haben“ ?
    Die Studentenblume wuchs hinter dem Schloss, im Garten des Würzburger Schlosses, wie es auf meinem Geschichtsbuch von 1978 zu sehen ist. Es ist ein Bild von Photo Gundermann – ich rieche die Blumen nicht und habe keine Drehbühne, um das Schloss von vorne anzusehen. Wer das ganze Schloss sehen will, von außen und von innen, braucht den Film, oder: Für ein Selfie die Kamera, und starke Schultern, und Know-How, und ein barrierefreies Schloss, sonst kann noch immer nicht gefilmt werden.
    Die „Economy“, das ist der Wettbewerb der Filmemacher um die „Wahrheit“, das „Governement“ muss für Barrierefreiheit sorgen, die ist ganz oben, welcher Film ganz oben ist, bestimmt die Jury, das ist nicht die Regierung.
    Jüdische Filmemacher wurden unterdrückt, zu den Filmemachern später gerne mehr dank Tagesspiegel.

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