Was läuft schief beim Arztbesuch?

Ärzt*innen zeigen bei der Behandlung von Patient*innen mit Behinderung oft Vorurteile und Vorbehalte. Optimal sieht anders aus.

Verstörende Ergebnisse hat eine aktuelle Studie in den USA hervorgebracht. Zwischen Ärzt*in und Patient*in stimmt etwas nicht, wenn eine Behinderung mit dabei ist: 82 Prozent der befragten Ärzt*innen meinten, Menschen mit Behinderung hätten eine geringere Lebensqualität als Menschen ohne. Diese Einstellung hat Folgen für die jeweilige Behandlung.

Forscher*innen der Harvard Medical School und des Massachusetts General Hospital förderten in ihrer Studie zutage, dass nur 56,3 Prozent der befragten Ärzt*innen angaben, Patient*innen mit Behinderung stark in ihrer Praxis willkommen zu heißen. Lediglich 40,7 % der befragten Ärzt*innen gaben an, sich sehr sicher zu sein, dass sie Patient*innen mit Behinderungen die gleiche Qualität der Versorgung bieten können wie solchen ohne Behinderungen. Sind diese Erkenntnisse vertrauenserweckend? Wohl kaum!

„Ein Arzt darf sich bei der Diagnose irren“, sagte einmal der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe, „aber niemals bei der Behandlung“

Ärzt*innen sind mit ihren Vorurteilen nicht anders als jede*r andere, der/die nur begrenzte Erfahrung mit einer bestimmten Gruppe von Menschen hat und deren Alltag, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Fähigkeiten nicht versteht. Doch bei der Gesundheitsversorgung hat das eben besondere Konsequenzen:

Wenn sich Ärzt*innen mit komischen Vorstellungen ihren Patient*innen gegenüber setzen, dann gehen sie auch anders an die Behandlung heran. Beispielsweise nehmen Mediziner*innen an, dass behinderte Menschen weniger sexuell aktiv wären und vernachlässigen das Feld der sexuellen Gesundheit, beraten und untersuchen weniger. Wird bei Frauen mit Behinderung Brustkrebs diagnostiziert, sind Ärzt*innen rascher als sonst der Auffassung, dass diese sich für brustbewahrende Maßnahmen weniger interessieren würden – weil sie sich über ihre physische Erscheinung weniger Gedanken machen würden. Alles Konzept. Gehen sie von einer ohnehin geringeren Lebensqualität ihrer Patient*innen aus, sprechen sie mit ihnen auch weniger über gesündere Lebensstile; das braucht es dann wohl nicht mehr.

Das Problem (laut Autorin der USA-Studie): Ärzt*innen gehen grundsätzlich davon aus zu wissen, was für ihre Patient*innen das beste ist. Klar, das gehört zu ihrem beruflichen Auftrag. Aber: ist diese Einstellung gepaart mit dem Vorurteil, ein Leben mit Behinderung sei von geringerer Qualität – dann wird es gefährlich. 

Wird dieses Problem benannt, finden sich auch schon Lösungsansätze. Denn Vorurteile und Vorbehalte lassen sich beiseite schieben.  Und ich bin fest davon überzeugt, dass Ärzt*innen alle Menschen eigentlich gut behandeln wollen. Eine Lösung, die die Autorin der Studie vorschlägt: Ärzt*innen sollten ihre Patient*innen nach Ihren Bedürfnissen fragen, statt davon auszugehen, sie bereits zu kennen.

In Deutschland bin ich auf keine vergleichbare Erhebung gestoßen, was mich nicht verwundert. Im englischen Südwesten indes haben sich Ärzt*innen am Universitätsklinikum Bristol rund 250 Akten von Patient*innen vorgenommen, die im Zeitraum von zwei Jahren verstorben waren – die „FAZ“ berichtete darüber in einem Bericht

„Sie befragten deren Ärzte und besuchten die jeweiligen Pflegeheime. In ‚The Lancet‘ berichtete das Studienteam im Dezember 2013 dann, dass geistig behinderte Männer im Durchschnitt mit 65 Jahren starben und damit 13 Jahre früher als andere Männer mit vergleichbaren Erkrankungen; Frauen erreichten ein Durchschnittsalter von 63 Jahren, ihnen gingen demnach zwanzig Jahre verloren. Die Ärzte waren davon überzeugt, dass man 90 Prozent dieser Todesfälle hätte hinauszögern können. Sie fanden einige typische Fehlerquellen. Mal habe man den Pflegern nicht zugehört, wenn sie mit ihren Schützlingen beim Arzt waren, oft seien wichtige Informationen verloren gegangen, die Pflegeheime und Ärzte oder Krankenhäuser austauschen. Besonders schlecht gelang es, Arzttermine zu koordinieren oder die Pflege umzuorganisieren.“

Wenn es um die Probleme zwischen Ärzt*in und Patient*in geht, fällt mir auf, dass wenn überhaupt nur kognitive Behinderungen thematisiert werden – dieser Komplex aber alle Arten von Behinderungen betrifft. Es gibt in Deutschland immer noch zahlreiche Arztpraxen, die nicht barrierefrei sind. Auch kommt es vor, dass Ärzt*innen sich weigern, Patient*innen mit Behinderung aufzunehmen. Mit zunehmendem Alter vergrößern sich die Schwierigkeiten: In Deutschland hat sich mittlerweile ein breites Netz Sozialpädiatrischer Zentren herausgebildet, in denen Kinder umfassende Behandlungen erfahren können. Mit 18 Jahren indes hört dieser Ansatz auf. Helfen täte ein Systemwechsel im Kopf. Denn es ist zwar eine Binse, gehört dennoch an dieser Stelle bemerkt, dass Menschen mit Behinderung das gleiche Recht auf dieselbe akkurate ärztliche Behandlung haben wie ihre Mitbürger*innen, die ohne Behinderung leben. Solch eine Behandlung hat normal zu sein. Wenn also zum Beispiel die „ÄrzteZeitung“ einen Bericht über Patient*innen mit geistiger Behinderung mit der Schlagzeile „Besondere Menschen in der Arztpraxis“ betiteln, geht das einen Schritt weg von dem, was normal zu sein hat. Besonderes in der Praxis, da denke ich an Schatzkisten in der Spieleecke, nicht aber an den Beginn einer wunderbaren Arbeitsbeziehung zwischen Arzt und Patient. Die Studie aus den USA hat ja gerade gezeigt, dass eine paternalistische und hilflose Einstellung von Ärzt*innen mit einer schlechteren Behandlung von Patient*innen mit Behinderungen zusammenhängt. 

Wie ergeht es Euch in Praxen und Krankenhäusern? Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht? Steht die Behinderung manchmal einer Behandlung irgendwie im Weg, obwohl das gar nicht sein müsste?

Euch ist Barrierefreiheit in Arztpraxen ein Anliegen? Dann unterschreibt diese Bundestagspetition.

« »
  1. Ich habe schon einiges Schlimmes mit Ärzten erlebt. Am tiefsten hat mich jedoch getroffen, als mich mein Augenarzt, nachdem ich sicher zehn Jahre Patientin war, mir eine weitere Behandlung verweigerte. Einfach so. Aus dem Nichts. Einzige Begründung: Wir können Sie nicht weiter in unserer Praxis behandeln.
    An den Gegebenheiten innerhalb der Praxis hatte sich nichts geändert.

  2. Das fängt schon an, wenn ‚Barrierefreiheit‘ „nur“ für zb Rollstuhlfahrer*innen gedacht wird (und meist nicht vorhanden ist), dabei würde eine Rampe oder ein Fahrstuhl oder eine ebenerdige Praxis auch alten und „leicht“ gehbehinderten Personen, Eltern mit Kinderwagen und natürlich auch den Lastentragenden helfen. Es wird halt vergessen dass viele (!) der angeblichen Minderheiten-Hilfen allen in der Gesellschaft zu gute käme…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.