Auf Kosten behinderter Menschen – Wie das Geldthema Inklusion verfehlt

Demo zur Anhörung des Bundesteilhabegesetz
Demo zur Anhörung des Bundesteilhabegesetz

Wann immer Medien von Inklusionsbestrebungen oder Umsetzungsprojekten von Barrierefreiheit berichten, liegt ein starker Fokus darauf, wie viel Geld dafür ausgegeben werden muss. Selten wird die Perspektive eingenommen, dass die Umsetzung von Menschenrechten und die Beseitigung eines vorherrschenden Übels keine Kostenfrage sein sollten 

Was mich so richtig nervt: Täglich lese ich Artikel zum Thema Barrierefreiheit und Inklusion. Und dabei kristallisiert sich seit Jahren ein unangenehmer Trend heraus. Wann immer es um Barrierefreiheit und die Umsetzung der UN-BRK geht, stoße ich auf Schlagzeilen wie: 

Und selbst, wenn die Kosten nicht in der Schlagzeile erscheinen, wird spätestens in dem Artikel prominent darauf hingewiesen, wie viel das jeweilige Projekt gekostet hat. Das Kostenthema ist so präsent wie unausweichlich vor meiner Nase. Wieso? 

Mir ist schon klar, dass Umsetzungsprojekte Geld kosten. Meine Probleme damit sind aber folgende: 

  • Keine andere Gruppe wird auf dieselbe Art mit Geld und Kosten in Verbindung gebracht wie behinderte Menschen.
  • Was für eine Botschaft wird mit der Betonung des der Kosten gesendet? 
  • Und was kommt bei den Lesenden an, wenn ständig unter die Nase gerieben wird, wie viel Geld für Barrierefreiheit ausgegeben werden muss?

Behinderten Menschen kommt eine Sonderstellung zu: Unsere Anliegen werden, wie keine anderen, hinter der Kostenfrage versteckt. Dabei gibt es viele Bereiche, in denen Bund, Länder und Gemeinden Geld in die Hand nehmen mussten, um sich einer neuen Gesetzeslage oder neuen Gegebenheiten anzupassen.

Wo sind denn die ganzen Berichte,

  • wie viel die Etablierung von binär getrennten WCs für Männer und Frauen an Arbeitsplätzen, Restaurants oder Einrichtungen kostet? 
  • Wo sind die Artikel über bauliche Anpassungen und deren Kosten bzgl. Brandschutz? 
  • Energiesparen durch Fenstererneuerungen – Wie viel kostet das die Steuerzahlenden für staatliche Einrichtungen?

Darüber erfährt man so gut wie nichts, weil sich alle einig sind, dass diese Dinge eben selbstverständlich umgesetzt werden müssen. Es ist einfach keine Frage, ob sie zu teuer sein könnten. Wieso ist es dann bei Barrierefreiheits-Bauprojekten anders?

Jetzt höre ich schon kritische Nachfragen, wieso mich das Thema „Finanzen und Kosten“ so provoziert. Es ginge doch nur um die reine Information, wie viel ein solches Bauprojekt eben kostet.

Doch die reine Information, wie viel jemand für etwas ausgibt, ist selten neutral. Wenn dein*e Freund*in dir erzählt, wie viel sie für dein Weihnachtsgeschenk ausgegeben hat oder deine Eltern dir mitteilen, was sie deine Ausbildung kostet, sind damit Botschaften verknüpft. Immer.

Menschen wollen entweder damit angeben oder sich darüber beschweren, was sie für jemanden zahlen. Das ist auch in diesem Fall nicht anders. Alternativ wird Druck aufgebaut, dafür dann auch eine entsprechende Leistung „zurückzubekommen“.

Ständig sehe ich Berichte über jede einzelne Kleinigkeit, die aktuell barrierefrei umgebaut wird. 

Als wäre das eine Auszeichnung, als wäre das eine Meldung wert. Die Wahrheit ist: Es wurde verdammt nochmal Zeit. Seit Jahren.

Barrierefreiheit umzusetzen, ist kein Werbeprojekt und keine Wohlfahrtsaktion. Der ÖPNV beispielsweise MUSS eigentlich gesetzlich seit dem 1. Januar 2022 vollständig barrierefrei sein. Jetzt Projekte zu betonen, die längst überfällig sind, ist, wie eine Waschmaschine zu bewerben, die ein einziges Mal NICHT ausgelaufen ist, während die Küche weiterhin unter Wasser steht.

Wo bleiben die Artikel der Empörung über das Versagen der Politik und Verwaltung bei der Umsetzung?

Das Jammern über die Kosten finde ich noch schlimmer. 

Ja, es muss jetzt Geld in die Hand genommen werden, aber damit wird ein Missstand behoben, ein Menschenrecht umgesetzt. Deutschland hat sich vor 14 Jahren, mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention, dazu bekannt, gleichwertige Teilhabe für behinderte Menschen zu ermöglichen. 

Was jetzt so viel Geld kostet, sind Umstrukturierungen und Umbauten eines Systems, das nicht für alle funktioniert hat. Behinderte Menschen wurden seit Beginn der Stadtplanung ausgespart, ignoriert und institutionalisiert. Dass wir nie mitgedacht wurden, war nicht in Ordnung. Was jetzt angepasst werden muss, zeigt deutlich, wo Teilhabe bisher nicht möglich war. Das ist der Preis, der jetzt gezahlt werden muss, um einen Missstand zu begleichen, um einen diskriminierenden Status quo zu beheben. Die Kosten hätten vermieden werden können, wenn von vorneherein Barrierefreiheit mitgeplant worden wäre.

Dass jetzt so gejammert wird, stößt mir bitter auf. Ihr macht hier gerade etwas besser, also reißt euch zusammen!

Wenn überhaupt jemand einen Grund hätte, sich zu beschweren, dann wir – behinderte Privatpersonen. Weil wir letztlich diejenigen sind, die wegen der diskriminierenden Strukturen, der überall noch so präsenten Barrieren, permanent gezwungen sind, Geld auszugeben. Sehr viel mehr Geld sogar, als unsere nicht-behinderten Peers. Jede*r von uns behinderten Menschen bezahlt auf die ein oder andere Weise mit Zeit und Geld für strukturelle Ungleichheit (Crip Time / Crip Tax):

  • Wir zahlen für Hilfsmittel, die die Kasse nicht übernimmt (die meisten).
  • Wir müssen in Mobilitäts- und Transportfragen mehr Zeit und Kosten einplanen, weil der Zielort oder der Weg dorthin nicht barrierefrei ist.
  • Wir können deswegen unsere Bildungseinrichtungen / Arztpraxen / Wohnungen / Arbeitsplätze nicht frei wählen und müssen ggf. längere Wege, Mühen und Ausgaben in Kauf nehmen.
  • Viele von uns werden in WfbMs ausgebeutet und schuften für einen Hungerlohn.
  • Menschen, die auf staatlich subventionierte Assistenz angewiesen sind, dürfen kein Vermögen ansparen.

Wenn es jemanden gibt, der über Geld jammern könnte, dann wir!

Die Barrieren für uns sind mannigfaltig, teuer und schier unendlich. Anstatt uns den Rücken zu stärken, wird in den Medien ausgeschlachtet, wie viel für Barrierefreiheit und Inklusion ausgegeben wurde. Und ist die Information noch so sachlich transportiert, bei den Lesenden entsteht dadurch ein bestimmter Eindruck. Es wird das Bild einer Gruppe etabliert, die dem Staat, den Ländern, den Städten und Gemeinden auf der Tasche liegt. Behinderte Menschen haben sowieso schon einen schwierigen Stand in der Gesellschaft, dieser wird auch noch forciert durch die Betonung der Kosten, mit Schlagzeilen wie:

„Haltestellen-Umbau kommt die Bürger teuer zu stehen“

Wieder kommen wir negativ im öffentlichen Bewusstsein vor. 

Wie wären zur Abwechslung mal diese Überschriften?

  • Nach jahrzehntelanger struktureller Diskriminierung, Inklusion und Barrierefreiheit endlich auf dem Weg
  • Fairer Preis für Menschenrechte – Stadt nimmt endlich Geld in die Hand, um Missstand zu begleichen.

Stattdessen fühle ich mich ausgespielt gegen die Mehrheitsgesellschaft, von der ich Teil sein darf. Durch all die Schlagzeilen bekommen nicht-behinderte Menschen Angst vor Inklusion und der Umsetzung von Barrierefreiheit gemacht. Sie müssen glauben, behinderte Menschen und ihre Rechte ruinieren Städte, Länder und den Bund finanziell. Wenn sie selbst einen Betrieb / Laden o.Ä haben und keiner gesetzlichen Pflicht zur Barrierefreiheit unterliegen (der Privatwirtschaftssektor tut dies leider noch nicht), werden sie sicher nicht diese vermeintlichen Unsummen in die Hand nehmen, um Barrierefreiheit umzusetzen. Abgeschreckt durch die Schlagzeilen. 

Doch hier ist eine Information, die kaum jemand kennt: 

  • Die Suggestion, dass Inklusion teuer ist, ist schlichtweg nicht wahr: Zahlreiche Expert*innen können 20 Jahre belastbare Forschung vorweisen, die belegt, dass der Status quo teurer ist als inklusive Ansätze.
  • Behinderte Menschen werden nämlich in Parallelsysteme ausgesondert.
    • Paralleles Wohnen,
    • parallele Schulsysteme,
    • parallele Arbeitsplätze.
  • Zwei Systeme am Leben zu halten – eins für nicht-behinderte, eins für behinderte Menschen – ist teurer als ein einziges System, an dem alle teilhaben dürfen, von dem alle Teil sind.

Wo sind die Artikel, die das mitteilen? Wo sind die stolzen Meldungen, dass man nun endlich Geld spart, indem man Inklusion voranbringt?

Diese Information auszulassen, kommt einem weiteren Verbrechen an uns behinderten Menschen gleich.

Adding insult to injury,

wie man im Englischen sagt: der Verletzung noch Beleidigung hinzufügen. Zu unserer Marginalisierung wird uns auch noch die Schuld für die Kosten von Inklusion zugeschoben. Doch wir sind nicht daran schuld, dass überall Barrieren existieren, die behoben gehören!

Unser Bedürfnis und unser Recht auf Teilhabe ist nicht der Feind. 

Der Feind sind die Strukturen, die uns all die Jahre vergessen haben. Diese anzupassen hat keinen Preis.



8 Antworten zu “Auf Kosten behinderter Menschen – Wie das Geldthema Inklusion verfehlt”

  1. Diese Beschreibung trifft es auf den Punkt. Wenn man Inklusion in einigen Facetten als eine Chance von sozialer Bedeutung sehen würden, wären wir dem AGG (Allgemeinen Gleichstellungsgesetz) sehr viel weiter. Inklusion wird jedoch als eine unüberwindbare Last gesehen. Solange in unseren Köpfen Inklusion nicht annähernd verstanden wird, werden wir statt wertschätzendem Verhalten immer wieder zu Mißgunst und Vorurteilen neigen. Leider erlebe ich dies tagtäglich, ob in Schulen, Kitas, anderen öffentlichen Bereichen bis hin im näheren sozialen Umfeld. Es ist so Schade und stimmt mich an der Stelle sehr traurig.

  2. Guten Abend Raul, besten Dank für den Beitrag.
    Ich hörte kürzlich einen Radiobeitrag, es ging um das Recht auf Selbstmord, und in der Diskussion gab es nur Vertreterinnen, die im Falle von psychischen Erkrankungen sofort meinten, dass ja solche Menschen schon einmal nicht selbst entscheiden könnten, ob sie sterben wollten oder nicht. Mich hat das sehr irritiert. Im selben Beitrag, Titel: Suizid, Selbsttötung und Freitod, von Susanne Fritz im Deutschlandfunk Kulturradio, wurde aber auch erklärt, ich kenne mich mit der Thematik nicht aus, fand den Beitrag aber interessant, dass das Bundesverfassungsgericht mit seiner Entscheidung zum Thema ausdrücklich keine Differenzierungen jedweder Art vornahm, sondern, so verstand ich es, eher inklusiv entschied.
    Wenn dann aber Menschen einfach ihre eigene Differenzierung leben ohne darauf zu achten, dass es dafür keine Rechtsgrundlage gibt, dann ist das ein ernstes Demokratiedefizit, eines mit dem Inklusion auch einfach nicht gelingen kann.
    In dem Urteil des Bundesverfassungsgericht vom 26. Februar 2020, 2BVR 2347/15 ist zu lesen:
    „Suizidhilfe ausschließlich deshalb zu verbieten, weil die Selbsttötung und die Hilfe hierzu in Widerspruch zu der Mehrheitsauffassung in der Gesellschaft stehen, wie mit dem eigenen Leben, insbesondere im Alter und bei Krankheit, umzugehen ist, ist deshalb kein legitimes gesetzgeberisches Ziel. “

    Nur: Wenn wird es interessieren? Da liegt ja das Problem. Im Grunde genommen werden „ganz oben“ richtige Weichen gestellt, aber dann geht es mit Leuten in die Verwirklichung, denen das anscheinend egal ist, was da vorgegeben oder entschieden wurde.

    Ich bin ein sanftmütiger Mensch, und was ich da machen kann, Raul, ich weiß es nicht. Ich hatte über Suizid bisher nicht nachgedacht, fände es aber super, wenn jeder Mensch eine würdige, selbst bestimmte und rechtssichere Möglichkeit selbst wählen kann, seinem Leben ein Ende zu setzen.
    Nicht nur, weil man eine Behinderung hätte und so gesehen an die Mittel vielleicht nicht heran käme, sondern auch, weil man es dann mit Assistenz so hinbekommen könnte, das man nicht am Ende schwerstverletzt überlebt, habe ich auch im Bekanntenkreis erlebt – entsetzlich, wenn sich jemand zu erhängen versucht, und das dann nicht final hinbekommt – erst Qual, dann doch Tod, je nachdem wie die Verletzungen dann sind.

    Es scheint aber auch zu dem Thema wieder Menschen zu geben, die nur an die „Schublade“ denken, und dann wäre ich mit meiner psychischen Beeinträchtigung schon mal nicht mehr im Selbstbestimmungsmodus, finden diese Leute offenbar sonnenklar.

    Die Stalkingszene meldet sich auch aus dem off – die meinen sowieso, man müsste auf mich aufpassen. Alles Unsinn und super übergriffig.

    Da hat sich in den letzten 150 Jahren doch nicht so viel geändert, fürchte ich.

    Besten Dank für den Beitrag mit den vielen Links zum Thema.
    Einen schönen Samstag noch.
    Gabi

  3. Das ist genau der Punkt. Es geht nicht um Kosten, sondern um die Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention, um Menschenrechte und gleichberechtigte Teilhabe für alle.

    • Ja, dass finde ich auch. Neben den unhaltbaren Zuständen, ist auch die Berichterstattung in den Medien skandalös. Danke für den Artikel Herr Krauthausen

  4. 1 Jahr später – aber niemals zu spät:

    Gedankenexperimemt: Wie wäre ein neuer Paragraph im Bundes Baugesetz/-BauOrdnung o.ä. Das verlangt sämtliche Türschwellen ab sofort niveaugleich / ebenerdig auszuführen.
    Das würde nach der Umstellungszeit keinen einzigen Cent mehr kosten, weil selbstdichtende Türen für schwellenlose Bauweise dann Standard wären!

    Der Gedanke ließe dich ebenso auf Barrierefreie Toiletten anwenden etc.

    In einer Gesellschaft, wo immer mehr Hochbetagte Mitbürger per Rollator unterwegs sind – sicherlich umsetzungswerte Gedanken, die Raúls These, daß Inklusive Bauweise von vorneherein viel Geld gespart hätte belegen!

    Wozu braucht die Menschheit heute noch Türschwellen?

    Als es noch keine Türschlösser gab, – bei den Römern und den Germanen bis ins Frühmittelalter hatten sie eine gewisse Daseinsberechtigung als Filterung, wer Zutritt hatte und wer fernbleiben sollte.
    Auch im Recht hat die Schwelle als Grenzbegriff eine gewisse Bedeutung um unmissverständlich klar zu machen, wo wer der Hausherr ist – also welche Rechtsordnung gerade gilt.

    Aber heute im Zeitalter von Social Media, Virtual Reality und Digital Fencing? – Also bitte heute reicht eine ebenerdige farblich abgesetzte Linie völlig aus – und sie würde cs. 10 Prozent unserer Bevölkerung das Leben soo viel leichter machen!

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