Barrierefreiheit ist kein Geschenk…

Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Copyright: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

…obwohl viele Medien darüber so schreiben. Ein Ausflug in den Blätterwald als Seismograph, wie schlecht es in Deutschland um die Inklusion wirklich steht.

Es ist ein Wort, welches ich meist im Copy-Paste-Modus tippe, so oft schreibe ich darüber: B-a-r-r-i-e-r-e-f-r-e-i-h-e-i-t. Das tue ich, weil es sich um eine Selbstverständlichkeit handelt, die keine ist. Allein die tägliche Morgenlektüre lässt mich gruseln – wie über Barrierefreiheit in deutschen Zeitungen berichtet wird, lässt mich daran zweifeln, ob wir tatsächlich schon im 21. Jahrhundert leben.

Nur zur Erinnerung: Bei Barrierefreiheit handelt es sich um ein Grundrecht. Fehlende Zugänge bilden ihrerseits eigene Wege, nämlich ins Abseits. Schon mal überlegt, wie es ist: wenn du für den Tag planst, bei der Bäckerei noch schnell Brötchen für die Arbeitskolleg*innen zu besorgen, zu einem Treffen mit ihnen in den Stadtteil nebenan zu fahren und dann auf dem Rückweg im Finanzamt ein lange benötigtes Formblatt mitzunehmen? Und du dann herausfindest, dass: in die Bäckereien entlang des Weges Treppen führen, der Fahrstuhl zur Bahn noch immer kaputt ist und das Formblatt ausgerechnet in einem Raum verwahrt wird, zu dem ein Flur mit unvorhergesehenen Stufen führt? Ich will mich nicht beklagen, aber sowas gestaltet einen Tag suboptimal.

Vielleicht liegt es auch daran, dass die Öffentlichkeit mit Barrierefreiheit umgeht, als wäre es etwas Besonderes. Ein Geschenk, welches mal hier und da feierlich überreicht wird. Die suboptimalen Erfahrungen bleiben ja nicht allen vorbehalten. Wenn jedenfalls von Barrierefreiheit in deutschen Lokalzeitungen die Rede ist, dann nie von jener im System, den Börden, den Gesetzen, nie von jener zum allgemeinen Arbeitsmarkt oder zum gemeinsamen Lernen für alle, sondern immer als eine Gabe, die vom Himmel fällt – als wären Menschen mit Behinderung urplötzlich mit einem Raumschiff auf der Erde gelandet, lugten vorsichtig heraus und nun muss man halt was machen, ein bisschen.

Für einen einzigen Tag habe ich mir angeschaut, welche Artikel mir Google Alert ausspuckt, wenn ich als Suchwort „Barrierefreiheit“ eingebe. Die mir angebotene Bandbreite ist recht schmal:

Erträglich sind noch die bloßen Meldungen, wie jene von der WAZ, wonach das „Schloss Strünkede“ mit einer Rampe versehen worden sei. Wenn jedoch solche Inhalte zu Stilübungen ausarten, droht akuter Zuckerschock, wie bei der Mainpost: „Sanft schlängelt sich der neue Weg von der Neidertstraße hin zur Erlöserkirche.“ Denn: Die „sauber“ verlegten Betonpflaster ermöglichten nun einen barrierefreien Zugang auf dem Weg zur evangelischen Kirche im Stadtteil Zellerau – eine Aktion von Schülern. Prosahaft auch die Leipziger Volkszeitung: „Der Traum von rieselndem Wasser auf nackter Haut ist für Monika Lehmann greifbar nah“, trieft der Text.

„Zahlreiche Grimmaer fühlen mit der behinderten Frau mit und lassen sich von der LVZ-Aktion ‚Ein Licht im Advent‘ inspirieren. Mit dem Geld soll Monikas Bad barrierefrei umgebaut werden“.

Um nicht missverstanden zu werden: Schüler*innen-Engagement hier und Leser*innen-Spenden dort sind eine gute Sache. Die Frage ist aber angebracht, warum dies nötig ist – warum eine Kirche nicht schon längst barrierefrei ist, und warum Bürger*innen keinen Anspruch auf ein barrierefreies Bad haben, wenn sie es benötigen. Wird indes punktuell ausgeholfen, wird dies gleich zelebriert. Mit ganz viel „Mitgefühl“.

Ins gleiche Horn bläst zum Beispiel die Mittelbayerische mit einem Text darüber, dass die Physik- und Chemieräume der staatlichen Realschule Abensberg durch Umbauarbeiten barrierefrei geworden seien. Ein Foto zeigt dann unter anderem eine Menschenansammlung mit Kämmerer, Vize-Kämmerer, Schulleiter, Lehrerin, zweiter Konrektor und Architekturbürovertreter – aber keine Schüler*innen. Wie wurden eigentlich jene Pennäler*innen mit Behinderung in Chemie und Physik vorher unterrichtet? Hat man ihnen aus dem Fenster heraus zugerufen? Auch hier möchte ich betonen, dass jeder Akt hin zu mehr Barrierefreiheit gut ist; aber das Feierliche verdeckt, dass hier ein schlimmer Mangel langsam behoben wird, eine Selbstverständlichkeit endlich angegangen wird. Nur eben viel zu spät.

Wie wäre es, wenn Lokaljournalist*innen nicht nur über die Einweihung einer barrierefreien Ratshaustoilette berichten, sondern über die noch vorherrschenden und Barrieren in ihrem Umkreis? Wie wäre es mit Reportagen VON Menschen mit Behinderung, wenn prosaische Stilübungen angesagt sind? Auch Fragen an Wohnhausbesitzer*innen eignen sich, warum sie die Barrierefreiheit nicht ähnlich ernst nehmen wie den Brandschutz. Und Bürgermeister*innen könnten dazu angestoßen werden, sich besondere Kredite für Unternehmen auszudenken, die sich für Barrierefreiheit engagieren. Schließlich könnte ein Blick auf die Partnerstädte gewagt werden – wie dort Barrierefreiheit angegangen wird; schließlich ist Deutschland in Europa bei diesem Thema nicht vorn. Wie hierzulande über Barrierefreiheit diskutiert wird, beschämt. Dabei gibt es viel mehr zu berichten als über sich sanft schlängelnde Wege und Träume von rieselndem Wasser auf nackter Haut.

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  1. Vielen Dank Raul Krauthausen,
    „Die „sauber“ verlegten Betonpflaster ermöglichten nun einen barrierefreien Zugang auf dem Weg zur evangelischen Kirche im Stadtteil Zellerau“. Ich habe sehr gelacht und hatte gleich die „sauber verlegten Betonpflaster“ im Park meines Herkunftsdorfes vor Augen, auch alles nur wegen „Barrierefreiheit“, nach das irgendjemand dächte, man stände dort total auf „sauber verlegte Betonpflaster“. Gebaut wurde das Ganze, zusammen mit einem „Schutzraum“, der – komischerweise – direkt neben einem kirchlich genutzten „Raum“, also einem Häuschen steht, mit vielen, vielen Ehrenämtlern und Spendern, das scheint so ein eigenes Finanzierungskonstrukt zu sein, neuerdings – und der Begriff der „Barrierefreiheit“ scheint mir doch vorgeschoben zu sein für schlichte bauliche Interessen diverser Vereine. Einer meiner Neffen besuchte einen Kindergarten im Nachbardorf, der 2012 Inklusion erprobte und das nicht mal schlecht, wie ich finde. Online finde ich exakt einen Beitrag aus 2012, mein Neffe ist noch mit auf dem Foto im Hintergrund zu sehen. Seitdem scheinen weder die Politik noch der Lokaljournalismus befasst zu sein. Jetzt kann der Lokaljournalismus ja auch nur über etwas schreiben, das es auch gibt.
    Was man in der Großstadt an Rechtsruck bemerkt, bemerkt man eben auf dem Land auch, letztlich gleichermaßen, nur an etwas anderen Projekten..

  2. Herzlichen Dank Herr Krauthausen, Sie haben es wieder einmal gut auf den Punkt gebracht! „Begeistert „bin ich persönlich auch immer wieder, wenn große „soziale Träger“,( ich arbeite bei einem solchen!) Den Zugang zum Arbeitsplatz ,( in meinem Fall Kopfsteinpflaster mit wunderschönen großen „Kratern“😉)mit der Begründung rechtfertigen, das man da erst einmal einen Antrag stellen mussmuss, und einen Sponsoren sucht, da man ja davon ausgeht, der Arbeitsplatz würde in nächster Zeit an einen anderen Ort verlagert. Sie haben Recht, solange man“Barrierefreiheit“so feiert, hilft es uns nichts.

  3. Besten Dank Kerstin Koller für den Beitrag.
    „Solange man so feiert“ – da muss ich direkt an die Veranstaltung von gestern in der Staatsoper Berlin unter den Linden denken. Auf dem Prospektdeckel steht „450 Jahre Staatskapelle Berlin“ in roter Schrift, danach geht es in goldener Schrift weiter mit den entsprechenden Jahreszahlen (1570-2020)
    Anlässlich des Staatskapellenjubiläums, das ist jetzt in schwarzer Schrift darunter geschrieben:
    „Benefitzkonzert zum Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz
    Dirigent
    Daniel Barenboim
    Sprecher
    Thomas Quasthoff
    Herren des Staatsopernchores, Einstudierung Chor Martin Wright
    Staatskapelle Berlin“

    Darunter folgt in goldener Schrift,
    „Mo. 27. Januar 2020 19:00
    Staatsoper unter den Linden.

    Der „goldene Rahmen“ ist demnach bildlich gesprochen das 450 jährige Jubiläum der Staatskapelle Berlin gewesen.

    Warum schreiben denn die Schreiber nicht über die Reden? Ich kann nur ganz wenig drüber schreiben, weil ich mir durch Hören nicht viele Fakten merken kann, und nur das Konzert noch bei Radio BB abrufen kann.
    In ein paar Jahren gibt es dann vielleicht einen „Datenklau“ (Tagesspiegel Checkpoint berichtet zum Datenbestand des Berliner Kammergerichtes) und dann sind auch die Prospekte weg und die Redemanuskipte weg und kein Mensch weiß mehr, was da los war am 27. Januar 2020 in der Staatsoper unter den Linden – man wird rätseln, die Kanzlerin soll da gewesen sein, Thomas Quasthoff auch, Rose Friedländer auch und Daniel Barenboim und Klaus Lederer, das ganze Haus ausverkauft, was kann es sein, 450, 75, 80 Jahre oder was? Man wird es mit Logik probieren, und nicht weit kommen.

    Die Musiker und der Sprecher wie auch der Dirigent waren traumhaft gut gestern, ich bedanke mich ausdrücklich für deren tolle Arbeit.

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