Raul Krauthausen - Aktivist

Gedanken zum neuen Schuljahr

Liebe Eltern,

nach der Sommerferienpause geht nun in Berlin die Schule wieder los. In einigen Bundesländern ist schon längst wieder Schulzeit, andere Bundesländer folgen etwas später.
Für einige Kinder sind es die ersten Schultage und ihre Einschulung wird gefeiert, andere verlassen die Grundschule und wechseln auf die Oberschule, stellen die Weichen für ihre Zukunft, für manche Schüler*innen ist es das letzte Schuljahr und sie blicken Abschlussprüfungen entgegen. Auf jeden Fall bestimmt die Schule einen großen Teil des Lebens eurer Kinder.
Vielleicht habt ihr neben der Aufregung vorm ersten Schultag nach den Ferien, dem Einkaufsstress der richtiger Hefterfarben, Stifte, Geodreiecke usw. etwas Zeit, euch mit euren Kindern zusammen zu setzen und über das kommende Schuljahr zu sprechen – über Vorfreude, aber auch Sorgen und Ängste. Gab es im letzten Schuljahr Ärger oder Probleme? Erwartet euer Kind eine spannende Klassenfahrt? Wird es neue Mitschüler*innen in der Klasse geben oder wechselt euer Kind in eine bereits existierende Klassengemeinschaft? Neben all’ den Leistungsanforderungen in der Schule, dem Lernen, der Freude über gute und der Angst vor schlechten Zensuren, ist die soziale Komponente der Schule ungemein wichtig. Euer Kind lebt dort in einem sozialen Gefüge, das weitestgehend außerhalb eurer Welt stattfindet. Ihr könnt euer Kind darauf vorbereiten – aber ihr könnt es dort nicht an die Hand nehmen. Viele von euch haben noch heute Freunde aus Schulzeiten – weil das soziale Gefüge Schule funktionierte.
Allerdings machen viele Kinder und Jugendliche auch sehr unschöne soziale Erfahrungen im schulischen Umfeld – Schlichter-AGs usw. können Phänomenen wie Mobbing, Ausgrenzungen, Diskriminierungen nicht immer die Stirn bieten. Durch soziale Medien und Whatsapp-Gruppen können Cyber-Bullying und -Stalking rasant zunehmen – mit teilweise schrecklichen Konsequenzen.

Durch Schulkinder in meinem engsten Umfeld erlebe ich, dass eine nicht geringe Anzahl von Eltern den Erlebnissen und Taten ihrer Kinder nicht nur hilflos gegenüberstehen – sondern ganz aufgeben und die Verantwortung an die Lehrer*innen weitergeben wollen.
Da gehen Elternabende plötzlich zum großen Teil um die Whatsapp-Klassengruppe und die Eltern verlangen von der Lehrerschaft diese zu kontrollieren, zu entscheiden, ob die dort geteilten Fotos und Links jugendfrei sind – und falls der Ton im Gruppenchat zu heftig wird, einzugreifen und die Gruppe sogar zu schließen. Während die Eltern selbst kaum Erfahrungen und Kompetenzen in diesem Bereich haben: “Whatsapp? Habe ich nicht, verstehe ich nicht.”
Auch erlebt: Dass ein Kind mit ADHS von fast der gesamten Elternschaft zum Problem erklärt wurde. Man entschied, dass durch dieses Kind die eigenen Kinder nicht gut genug im Unterricht lernen könnten, dass jenes Kind störe und eine Gefahr für die eigenen Kinder sei. Man würde dem eigenen Kind einbläuen, sich von diesem Kind fernzuhalten – trotzdem käme es immer wieder zu Konfrontationen. Wohlgemerkt: Das ist die Einschätzung der Eltern. Jener Eltern, die von ihren Kindern verlangen, das zum “Störer” erklärten Kind zu meiden und damit auszuschließen – die ihren Kindern damit signalisieren, dass sozialer Ausschluss eine adäquate Reaktion ist auf ein “schwieriges” Kind ist.
Die Aussagen der beiden zuständigen Lehrkräfte, dass die Konflikte mitnichten einseitig von dem mit ADHS diagnostizierten Kind ausgingen, sondern es regelmäßig massive Provokationen anderer Schüler*innen gäbe – passenderweise ausgerechnet von jenen Kindern, deren Eltern von ihren Kindern den sozialen Ausschluss des “Störers” forderten – wurden nicht geglaubt.

Ich möchte mit diesen beiden Beispielen keineswegs Eltern schlecht machen. Ganz im Gegenteil: Eltern zu sein ist eine der größten und verantwortungsvollsten Lebensaufgaben – und wird von der Gesellschaft viel zu gering geschätzt.

Allerdings seid ihr eben auch diejenigen, die die Wertmaßstäbe eurer Kinder entscheidend prägt, gerade in der Grundschulzeit.
Als Mensch mit Behinderung erlebe ich immer wieder, dass behinderte Kinder an Förderschulen aussortiert werden sollen, um eben solchen sozialen Ausgrenzungen wie oben beschrieben, zu entgehen. Allerdings liegt es auch an euch, wie eure Kinder auf Mitschüler*innen mit Behinderung reagieren. Als Eltern solltet ihr euren Kindern unbedingt beibringen, niemals andere Kinder auszuschließen. Sozialer Ausschluss und soziale Ächtung sind grausam – und kein Mittel um schwierigen Situationen zu begegnen.
Da die Geschichte über den Schüler mit ADHS leider wahr ist, kann ich auch erzählen, dass eine Schülerin – ein Kind – eine wirklich gute Lösung für sich und den Mitschüler fand. Als Klassenbeste wurde sie jahrelang neben den Jungen gesetzt – und hat irgendwann einfach angefangen, klare Regeln zu besprechen. Zu helfen, wenn es ihr gerade möglich war, aber als Regel auch zu haben: “Wenn ich nicht kann, musst du das akzeptieren.” Und die beiden fanden so einen guten Umgang miteinander. Als der Junge mal wieder nach Schulende langsamer als der Rest der Klasse war, ein Mitschüler auf ihn wartete und ihn verprügeln wollte, suchte sich die Schülerin zwei Freundinnen – und mit schlauen Ablenkungsmanövern manövrierten die drei Mädchen den Jungen aus der Gefahrenzone. Eine Freundschaft entwickelte sich nicht – allerdings eher, weil es bei den beiden zu wenig ähnliche Interessen gab. Aber sie kamen gut miteinander aus.
Und das ist genau das, was ihr euren Kindern vermitteln könnt – egal ob euer Kind eine Behinderung hat oder nicht: Es ist nie in Ordnung, jemanden für Dinge zu ärgern, über die er oder sie keine Kontrolle hat. Es ist nicht okay, gegen ein Kind zu sein, weil es anders ist. Wenn andere jemanden ärgern, muss man nicht mitmachen. Ist etwas ungerecht, kann man auch solidarisch sein.

Inklusion spielt an den meisten Schulen eine immer größere Rolle, und so werden Eure Kinder wahrscheinlich Mitschüler*innen oder Lehrer*innen mit Behinderung begegnen. Wie sollen sie damit umgehen? Sagt ihnen, dass Kinder mit Behinderung grundsätzlich kein bisschen anders sind als Kinder ohne Behinderung. Dass sie vielleicht nicht auf Bäume klettern oder schwimmen können oder aber beim Sprechen etwas langsamer sind. Aber schließlich können auch Kinder ohne Behinderung nicht alles gleich gut.
Mitschüler*innen mit Behinderung haben möglicherweise ähnliche Interessen und können tolle Spielkamerad*innen sein.
Als Erwachsene müsst Ihr dieses Miteinander vorleben. Das heißt auch: Wenn Eure Töchter und Söhne Geburtstage feiern und noch so klein sind, dass Ihr die Gästeliste schreibt, dann vergesst nicht, alle einzuladen – auch das behinderte Kind. Ich erinnere mich noch gut daran, wie verletzt ich war, wenn Klassenkamerad*innen über Feiern sprachen, zu denen ich nie eingeladen wurde, weil ich im Rollstuhl saß. Im Umkehrschluss gilt natürlich, dass Euer Kind die oder den Mitschüler*in mit Behinderung nicht einladen muss, wenn es nicht möchte. Je normaler der Umgang mit Behinderungen schon in jungen Jahren vorgelebt wird, desto selbstverständlicher ist er auch später.
Ihr legt den Grundstein dafür, dass eure Kinder später hoffentlich in einer offenen und toleranten Gesellschaft leben – und diese mitgestalten können.

Und geht mit euren Kinder mit – soweit sie es zulassen: Auch in den Cyberspace. Es ist nicht Aufgabe der Lehrer, euren Kindern den Umgang mit sozialen Medien beizubringen – auch wenn “Online-Kompetenz” unbedingt ein eigenes Schulfach werden sollte.
Hört euren Kindern zu, schaut euch an, was sie machen, redet mit ihnen darüber, dass auch harte Worte im Chat sehr verletzen können – und dass ihr ihnen beisteht, wenn sie selbst von Verletzungen durch Online-Aktionen betroffen sind. Aus dem Klassenchat ausgeschlossen zu werden, ist heute für viele Kinder ein ähnlich harter Schlag, als wenn sie als einzige nicht zu einer Geburtstagsfeier eingeladen werden. Derartiges kleinzureden – “Das ist doch nur ein Chat…” – kann die Vertrauensbeziehung zwischen euch und euren Kindern empfindlich stören. Nehmt eure Kinder ernst und stärkt damit ihr Selbstwertgefühl.
Es geht nicht darum, Chats zu kontrollieren, sondern bleibt im Gespräch mit euren Kindern, beobachtet sie, achtet auf Verhaltensveränderungen und holt euch Hilfe und Beratung, wenn ihr ratlos oder verzweifelt seid. Gerade bei Online-Mobbing sind die betroffenen Kinder und Jugendlichen so erniedrigt und beschämt, dass es ihnen schwer fällt um Hilfe zu bitten. Sozialer Ausschluss wird häufig alleine und still ertragen – oft über Monate.
Schnelle Hilfe findet Ihr zum Beispiel hier: https://www.nummergegenkummer.de

Ich wünsche allen Schüler*innen ein tolles neues Schuljahr!

(sb)

Dieser Brief ist in Zusammenarbeit mit Suse Bauer entstanden.

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3 Enlightened Replies

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  1. Danke für diesen Gedankenanstoß! Mich beschäftigt zur Zeit (noch) nicht so sehr der Ausschluss durch andere Eltern, sondern im Vorlauf zur Einschulung vor allem durch Institutionen, die versuchen, mein Kind auf die Sonderschul-Schiene zu stecken. Nun steht die (inklusive) Einschulung kurz bevor und ich bin gespannt, wie die anderen Eltern reagieren werden!

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