Behinderung: Sorry, da bin ich rausgewachsen!

„…behindert…?“ grübele ich. „Behinderte,…Behinderungen,…behindern,…“ wiederhole ich, weil mir dieses Wort nicht in den Kopf gehen mag. Seit nunmehr 26 Jahren klebt mir dieser Stempel buchstäblich auf der Stirn. Ich werde beinahe täglich damit konfrontiert, dass ich wohl behindert sei. Obwohl mir dieses Wort schon immer fremd vorkam, hat es sich abgenutzt. Es kleidet nicht besonders – es passt einfach nicht zu mir! Wenn ich es als Attribut für mein äußeres Erscheinen kassierte, dann hab ich es eben so hingenommen, als ein Wort, das Gott und die Welt für mich verwendet. 

Auf meinem Bildschirm läuft eine Doku. Zwei eigentlich ganz coole Typen eines Podcasts, mit viel Humor, machen mal was „Neues“. Sie treffen, aus meiner Sicht mit ziemlich ehrlich gemeinter Absicht, verschiedene Menschen, die Behinderungen haben. Mehrere Kleinwüchsige und Menschen im Rollstuhl stehen Rede und Antwort über:

„Na und, hattest Du schon mal ne Freundin?…Jetzt erzähl mal, wie sieht die tägliche Diskriminierung in deinem Leben so aus,… Krass du kannst ja sogar fotografieren, zeig mal wie Du das machst!“ 

In solchen Momenten kann ich gar nicht beschreiben, wie schmerzhaft sich meine Augen nach hinten in mein Hirn rollen, weil sie sich vor Peinlichkeit und Fremdschämen einfach nur verstecken möchten. 

Lange Jahre konnte ich nicht erklären, weshalb mir dieses ganze „Behindertengequatsche“ so unsäglich auf den Senkel gegangen ist. Wo ich mich doch gleichzeitig und paradoxerweise so gern mit meiner „Andersartigkeit“, meinem Dasein als Exotin oder fast schon dem als Alien beschäftige. Meine Kunst handelt vom versehrten Körper, der die Realität darstellt und den guten Seiten des Lebens frönt. 

In den Schulen in denen ich arbeite, erkläre ich wie eine Gebetsmühle was Behinderung heißt, wie sie aussieht und dass sie nicht unnahbar ist. Mehr „Behindertengequatsche“ geht ja wohl nicht mehr. 
Und dennoch hasse ich „Debatten über Behinderte“, wenn sie genauso langweilig ein Leben beschreiben, wie Susi auf Instagram ihr täglich Butterbrot fotografiert. 

Ich habe endlich herausgefunden, weshalb es mich so unendlich nervt! Es ist diese bescheuerte Banalität. Natürlich isst Susi ihr geschmiertes Butterbrot, genau wie Karl, der es auf seine Weise, mit nur einer Hand belegt hat. Aber ist das tatsächlich so interessant? Warum haben wir all diese Fragen an ganz „andersartige“ Menschen? Weil wir daran glauben, dass ein Butterbrot eben auf eine bestimmte Art und Weise geschmiert wird. Weil wir im täglichen Leben eben immer nur eine Einheit an Butterbroten gezeigt bekommen, die alle auf die gleichen Weise belegt wurden. Alles ist gleich, das ist schön, das ist lecker! Und wenn es einmal nicht gleich ist, dann ist es spannender. 

Wenn ich auf die Straße gehe, dann bin ich ganz OFFENSICHTLICH anders. Man kann mit dem Finger auf mich zeigen und sich die Lippen darüber fusselig philosophieren, ob ich noch Herr meiner Synapsen bin. Man kann sich  durch mich inspirieren lassen und über sein eigenes Leben nachdenken. Man kann sich gedankenlos und völlig frei seine verkorksten Eigenheiten schön reden. Das ist sehr einfach! 

Genau deshalb glaube ich, dass diese Durchgekaue des Themas „Menschen mit Behinderung“ einfach ein riesengroßes Ablenkungsmanöver davon ist, dass wir nicht verstanden haben, dass wir alle „Menschen“ sind. In Wirklichkeit sind wir uns doch selbst total fremd und können unsere dicken Bäuche, unsere zu großen Nasen oder viel zu kleinen Hintern nicht ertragen. Wir können längst mehr, als Flugzeuge fliegen und machen einen Drahtseilakt aus barrierefreier Architektur: Warum erscheint uns das nicht allen so ermüdend banal? 

Ich will von meinem spannenden Leben als Künstlerin erzählen, davon wie toll ich meinen Körper finde, was ich mit ihm erstaunliches anstellen kann und wie viel Spaß ich am Flow des Lebens habe – als MENSCH. Ohne diese „behindernde“ Illusion, es gäbe so etwas wie Behinderungen! 

Können wir bitte einfach neugierig aufs „Mensch sein“ werden, weil aus „Behinderung“, sorry, da bin ich wirklich rausgewachsen!

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