Raul Krauthausen - Aktivist

„Lasst’s mal gut sein mit der Inklusion.“


Manche sind der Meinung, dass man es mit der Inklusion auch übertreiben kann. Allerdings handelt es sich hierbei selten um diejenigen, die von diesem Thema betroffen sind. Das ist kein Zufall.

„Man kann es mit diesem Aktionismus aber auch übertreiben.“ „Die wollen immer eine Gleichbehandlung und das, obwohl sie nun einmal nicht gleich sind.“ „Inklusion ist ja eine schöne Idee. Aber was habe ich davon, wenn mein Kind nicht zum Lernen kommt, weil der behinderte Mitschüler so viel Aufmerksamkeit benötigt?“

Vielleicht habt ihr den einen oder anderen Satz so oder so ähnlich auch schon einmal gehört. Vielleicht ist er euch sogar selbst über die Lippen gekommen oder war zumindest ein klopfender Gedanke im Hinterkopf. Sobald es um Teilhabe behinderter Menschen in der Gesellschaft geht, kochen die Emotionen über und man kann sicher sein, dass jede/r zumindest eine Meinung dazu hat – ob es ihn oder sie persönlich betrifft, ist dabei zweitrangig.

Dass der Begriff „Inklusion“ seine Tücken birgt, habe ich in einem anderen Artikel ja bereits zusammengefasst. Dass sie als Gesamtes infrage gestellt wird, weil es tatsächlich Menschen gibt, die meinen, dass das Thema zu viel Raum einnimmt oder sie in ihrer Sprache beschränkt („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“), ist ein Skandal. Nein, es ist noch lange nicht gut und nein, das Thema ist noch lange nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch woher stammt dann die Vorstellung, Inklusion sei zu weit gegangen? Als Aktivist kann ich mich über diese Aussage eigentlich nur freuen, denn es bedeutet, dass Menschen mit Behinderung weiter in den alltäglichen Fokus rücken – und zwar soweit, dass wir anderen auf die Nerven fallen, weil sie nicht mehr schulterzuckend wegschauen können. Genau an diesen Stellen müssen wir weitermachen, sichtbar werden und auf Hindernisse, Diskriminierung oder Ressentiments hinweisen.

„Betrifft mich nicht, will ich nicht!“

Das Erstaunliche ist doch, dass diejenigen, die meinen, es sei jetzt auch mal gut und man müsse ja nun nicht übertreiben, fast nie selbst betroffen sind – vielleicht gar keine Berührungspunkte mit dem Thema haben. Ich möchte an dieser Stelle keine Böswilligkeit unterstellen. Meist haben solche unbedachten Aussagen etwas mit Ignoranz und Unwissenheit zu tun. Die Privilegierten haben Angst um ihre Vormachtstellung, fürchten, in ihren Rechten beschnitten zu werden, wenn sie weniger Privilegierten mehr davon zusagen. Dabei liegt genau hier der Denkfehler. Nur, weil wir barrierefreie Zugänge fordern, heißt das nicht, dass Treppen abgeschafft werden. Weil wir behinderte Kinder am Unterricht teilhaben lassen, bedeutet das nicht, dass nicht-behinderte Kinder keine bedarfsgerechte Förderung mehr erhalten. Genauso wenig, wie das Frauenwahlrecht Männer in ihrer Wahlfreiheit beschnitten hat.

Inklusion bedeutet die Einbeziehung und Akzeptanz aller in der Gesellschaft – unabhängig von ihren individuellen Stärken und Schwächen. Genau aus diesem Grund kann es gar kein Zuviel an Inklusion geben. Wenn also mal wieder jemand bei diesem Thema genervt mit den Augen rollt, heißt es weitermachen, diskutieren und nachhaken. Um es mal so zu formulieren: Frage nicht nach, was die Inklusion für dich tun kann, sondern was du für die Inklusion tun kannst, von der auch Menschen ohne Behinderung profitieren würden.

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  1. Gabriele Flüchter sagt:

    Ich denke, dass es eine in der Gesellschaft recht tief verankerte Vorstellung gibt, dass eine Behinderung etwas ist, woran der Behinderte selbst „Schuld“ trägt, vor allem bei seelischen Beeinträchtigungen gibt es die Vorstellung, dass derjenige, der „es“ hat, ja auch einfach anders sein könnte, sich innerlich „umbauen“ könnte, und schließlich nicht wäre, wie er ist.
    Zugegeben, wenn ich „Gesellschaft“ schreibe, nehme ich mich da selbst nicht aus.
    Voller Verzweiflung versuchte ich, als ich mich persönlich verändert hatte, das zurück zudrehen, ich ärgerte mich, nicht mehr „die Alte“ sein zu können und probierte es mit allen möglichen Mitteln, noch mitzuhalten in der Welt der Normalen. Ich empfand das „Anders sein“ als bedrohlich und verlustreich und tatsächlich war es das ja auch, ich verlor meinen Beruf, meine Arbeitsfähigkeit.
    Es war ein langer Weg, zu verstehen, dass man sich nicht einfach, weil man es will, selbst erschaffen kann und das es möglich ist, dass ein Nichtbehinderter irgendwann selbst Behinderter ist.
    Aber auch wenn ich nicht mehr arbeitsfähig bin, bin ich immer noch fähig, als Mensch eine Meinung und einen Willen zu haben und in der Öffentlichkeitkeit geltend zu machen und das ist für mich eben Inklusion. Sie richtet sich nicht nach Leistungsmaßstäben, sondern nach dem Respekt vor dem Willen jedes Menschen und dessen Anspruch, sich an dem zu beteiligen, was man politische Entscheidungsprozesse nennt. Darauf kommt es letztlich an.

  2. Pia Wollseifen sagt:

    .

  3. Gabriele Flüchter sagt:

    Betroffen von der Inklusion ist jeder, es gibt keinen Menschen, der nicht davon betroffen wäre, das ist es ja eben.
    Zur Zeit merkt jeder Demokrat, jede Demokratin wie sehr er/sie davon betroffen ist, dass Inklusion als alle Menschen einer Gesellschaft umfassendes Mitmachmodell, zu scheitern droht, denn das Mitmachen in einer inklusiven Gesellschaft setzt ein altes Mitmach-Prinzip voraus „One Person One Vote“
    Aber: Kommt dies bei Wahlen (Bundestag-, Landtag etc) ja auch noch zum Tragen, wiewohl ja leider viele Behinderte nicht wahlberechtigt sind, was ich für skandalös halte, kann man jetzt immer häufiger beobachten, dass Menschen gar keine Lust mehr haben, über etwas abstimmen zu lassen.
    Z. B. bei der Frage: Welches Bild wollen wir uns ins Vereinsheim hängen? Es werden nicht demokratisch Vorschläge eingeholt und dann wird eben darüber abgestimmt, sondern es wird dann versucht, zu argumentieren, warum dieses oder jenes Bild schon von „Rechts wegen“ oder schon unter „Normalitätsgesichtspunkten“ entweder hängen soll oder nicht hängen soll.
    Das heißt die Abstimmungsmöglichkeiten mittels „One Person One Vote“ werden vorab so zurecht „gestutzt“, das die verbleibende Abstimmung dann oft nur noch zur Farce verkommt.

    Auf diesem Weg werden Behinderte, Kriminell gewordene, Rechtsradikale, Linksradikale, Alte, Kinder etc. auf scheinbar neutraler argumentativer Basis „Der Kriminielle gehört nicht in unsere zivile Gesellschaft“, „der Alte arbeitet nichts und muss eben nehmen, was er kriegt“, „Der Behinderte hindert die Leistungsträger“, „der Rechtsradikale bedroht unser Land“, „der Linksradikale“ bedroht unser Land“, „der Kriminelle verachtet unseren Rechtsstaat“ , „die Kinder müssen das noch begreifen“ aus den Debatten, den Diskursen und auch aus den öffentlichen Plattformen gerne ausgeschlossen.

    Zurück bleibt eine elitär denkende und handelnde exklusive Gesellschaft, die etwas Furchtbares tut – sie stellt die „Person“ in Frage.

    Das ist das zentrale Problem zur Zeit und das sieht für Keinen gut aus, gar nicht gut aus.

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