Stell dir vor… all das Geld…käme direkt bei den Betroffenen an…

Ein Großteil der internationalen Investitionen in Gender-Gerechtigkeit erreicht die wichtigsten Adressat*innen nicht. Ich frage mich, wie sieht das wohl  für unsere Bewegung zur Stärkung der Rechte von Menschen mit Behinderung aus? 

Dass mehr über als mit Menschen geredet wird, ist als menschliches Phänomen bekannt. Besonders ausgeprägt ist diese Eigenschaft, wenn Angehörige einer großen Gruppe mit Leuten einer kleinen Gruppe zu tun haben: Da können viele guten Absichten im Spiel sein, aber im Zweifel meinen die Vertreter der großen Gruppe selber zu wissen, was am besten für die anderen ist. So wird nicht viel aus den guten Absichten. 

Diese Gedanken kamen kürzlich erneut bei mir auf, als ich den „Guardian“ las und eine bittere Erkenntnis hatte: Only 1% of gender equality funding is going to women’s organisations – why?, titelte der Artikel. Allein in den vergangenen zwei Jahren, bilanzieren die Autor*innen, haben Regierungen und internationale Institutionen angekündigt zu den bisherigen Aufwendungen für Gender-Gerechtigkeit noch einmal eine Milliarde Dollar draufzulegen. Das ist viel. Doch anscheinend kommt das Geld kaum dort an, wo es am effektivsten wirken würde: nämlich direkt bei den Frauenorganisationen im globalen Süden. Dabei ist es längst Konsens, dass diese Initiativen starke Motoren für Gender-Gerechtigkeit sind. Die großen Summen aber fließen zu Organisationen, die in den Geberländern sitzen. Die Begründungen, warum nicht direkt investiert wird, wiederholen sich: Diese Gruppen würden nicht die Verwaltungskriterien der Geber erfüllen, seien zu klein und hätten unterentwickelte Evaluierungssysteme. Deshalb kommt von diesen Geldern am Ende nur ein Prozent bei den Frauenorganisationen an. Dabei brauchen gerade sie unbedingt viele, agile und langfristige  Ressourcen für ihre wertvolle Arbeit. Wahrscheinlich würden sie erst mit solchen Ressourcen die aufgeführten Bedingungen erfüllen können. Vor Ort investiertes Geld transformiert etwas, es bleibt keine bloße Transaktion. Wenn sich Geber darauf einlassen ihre Kriterien zu überdenken, müssen sie zwangsläufig auch ihre eigenen Strukturen kritisch auf Gendergerechtigkeit und auch Rassismus hin überprüfen – so entstünde ein zweiseitiger, transformierender Ansatz.

Was passiert, wenn ich das, vom Guardian angesprochene, Phänomen auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung übertrage? Auch da gibt es eine Menge Geld für große Ankündigungen, fette Kampagnen, tolle Poster. Es gibt bei diversen Sozialdiensten- und -Verbänden, die dieses Geld bekommen, einen unbescheidenen Verwaltungsapparat. Und die Finanzierung der Einrichtungen und Werkstätten für Menschen mit Behinderung ist für sich schon ein Koloss. Es gibt Organisationen, die Kindergärten, Schulen, Wohneinrichtungen und Arbeitsstätten für Menschen mit Behinderung bereit halten. All diese Institutionen bekommen viel Geld, doch in die Selbstbestimmung oder gar Selbstermächtigung der Betroffenen selber fließt davon wenig. Das System ist schwierig und komplex, doch es beschleicht mich das starke Gefühl, dass es mit den Geldern für die  Inklusion genauso schlecht steht, wie für die Herstellung der Gendergerechtigkeit.

Was ließe sich alles damit anfangen, wenn von diesen Geldern viel mehr direkt bei jenen ankäme, die sich ohne Umwege für die Belange von Menschen mit Behinderung einsetzen und selbst welche sind? Wie viele Rampen und Fahrstühle ließen sich damit bauen, wie viele Quadratkilometer Deutschlands für Leute neu erschließen? Wie viel ambulantes und damit unabhängiges Wohnen wäre möglich? Wie viele Jobs auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt würden entstehen, damit wir endlich gemeinsam und Hand in Hand zu schaffen – und nicht isoliert voneinander? Wie viele Gebärdensprachdolmetscher*innen oder Taubblinden-Assistentinnen könnte man dafür engagieren?  Wie viele Texte in Leichte Sprache übersetzen? All diese Dinge hätten direkte Auswirkungen auf Menschen mit Behinderung und würden inklusive Lebensbedingungen für alle schaffen. 

Doch was tun? 

Vor allem Menschen mit Behinderung wissen, wovon sie reden, was sie brauchen und wo das jetzige System hakt. Das ist wichtig, wenn entschieden werden soll, wie und wo das Geld am effektivsten genutzt werden kann. Es ist Zeit, den in vielen Jahren in feste Bahnen gelenkten Geldfluss zu überdenken und neue Ufer anzustreben. Es ließe sich viel mehr mit dem Geld anfangen, wenn man es direkt von den Betroffenen selber verwalten ließe. Lasst uns immer mehr die Frage stellen, wer eigentlich wofür Geld bekommt.

Bei der Vergabe von Geldern für die Inklusion muss es um Selbstermächtigung gehen. Darum, das auszuleben, was den Menschen ausmacht: Freiheit des Willens und seine Umsetzung. Das klingt abstrakt, wird aber im Alltag konkret. Die Unsummen in der Arbeit mit Behinderung sollten darum dorthin fließen, wo das konkret auch ermöglicht wird. Das heisst: 

  • Politische Lobbyarbeit von Betroffenen direkt fördern und finanzieren.
  • EUTB-Strukturen ausbauen und zu politische Interessensvertretungen lokal und bundesweit entwickeln.
  • Empowerment-Strukturen für betroffene Menschen schaffen, die bisher als “nicht in der Lage sich selbst zu vertreten” betitelt werden.
  • Strukturen schaffen, die es behinderten Menschen einfacher machen ihre Rechte wirksam durchzusetzen. Sei es gegenüber Krankenkassen, Behörden oder Unternehmen.
  • Strukturen schaffen, die kurzfristige Dolmetschungen in Leichte Sprache oder Gebärdensprache für Betroffene finanzieren.
  • Ausschreibungen und Genehmigungen an Barrierefreiheit koppeln.
  • Nur barrierefreie Taxis und ÖPNVs fördern und genehmigen.
  • Privatwirtschaft zu Barrierefreiheit verpflichten
  • Einmal hergestellte Barrierefreiheit (z.B. funktionierende Aufzüge) nachhaltig sicherstellen

Damit wäre die Welt längst nicht perfekt. Es wäre aber ein Anfang und ein sinnvollerer Umgang mit all dem Geld.

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  1. Guten Abend Raul Krauthausen, besten Dank für den Beitrag.
    Ich finde am wichtigsten, dass die Inklusionsziele gemeinsam formuliert werden, gemeinsam über die Parlamente, dazu ist am wichtigsten, sich an den Debatten in den Gremien mit seiner Sprache beteiligen zu können.
    Angenommen – ist jetzt nur ein Beispiel – es würde dann ein Konsens gefunden, von Behinderten und Nichtbehinderten – das jeder Mensch ein Recht auf eine private, eigene Wohnung haben soll, jeder, egal ob behindert, nicht behindert, egal, wie der Behinderungsgrad ist – ein Recht auf eine private Wohnung. Wenn dies so im Parlament beschlossen würde, dann ginge es in die Umsetzung. Bei der Umsetzung aber, wäre es dann am sinnvollsten, wenn für jeden einzelnen „Wohni“, gemeinsam mit diesem berechnet würde, was dieser nun einmal an Mitteln braucht, damit das Versprechen – Leben in der eigenen Wohnung – auch eingehalten werden kann. Es müsste dann noch klar gemacht werden, dass solche Gelder nicht verhandelbar sind, sondern selbstverständlich aus dem Staatshaushalt genommen würden, denn der Staatshaushalt ist meiner Meinung nach für gar nichts anderes da, als Inklusion zu ermöglichen, daraus bezieht er seine Berechtigung, mir als Bürgerin gegenüber.
    Beim Wohnbedarf halte ich es nicht für so gut, auf Institutionenförderung zu setzen, denn das private Wohnbedürfnis gehört dem Individuum, dem einzelnen Menschen, und nicht Institutionen.
    Kein Mensch kann in Ruhe leben, wenn er ständig um seine private Wohnung bangen muss, solche Ängste sollte ein wohlmeinender Staat jedem Bürger, jeder Bürgerin nehmen – das wäre doch auch nicht so schwierig! Ich hoffe darauf.

  2. Hallo!
    Anfangen, miteinander und nicht übereinander zu reden, das könnte uns ungeahnte Power eröffnen, finde ich. Was wäre dann wohl alles möglich?

  3. Guter Artikel! :-)
    Ich habe mal einen zu einem ähnlichen Thema geschrieben: http://kassandra.erinatranslations.de/content/posterbunt/posterbunt40.html
    Erstaunlich viele der Kunst-, Kultur- oder Freizeit-Projekte, die sich „inklusiv“ nennen oder die extra für behinderte Menschen da sind und dafür finanziert werden, stehen unter größtenteils nichtbehinderter Leitung. Oder haben 90 – 100 % der bezahlten Arbeitsstellen mit Nichtbehinderten besetzt. Behinderte Menschen dürfen teilnehmen.
    Um wessen Nutzen geht es? Sollen spezielle Behinderten-Angebote eigentlich behinderten Menschen nutzen – oder in erster Linie Nichtbehinderten, die damit Geld verdienen oder sich gut darstellen wollen?

  4. Das war wieder ein richtig aufschlussreicher Artikel aber wie geht die Geschichte weiter, wenn dieser ganze Ideenreichtum nicht auch gleich finanziell zementiert wird?
    Zudem müsste über eine Satzung oder mindestens über eine Geschäftsordnung sichergestellt werden, dass Menschen mit Behinderungen die Institution (Genossenschaft, gemeinnützige Stiftung etc.) kontrollieren!
    Andernfalls versanden solche Ideen, über kurz oder lang, im digitalen Blätterwald!

  5. Antwort auf Jörn Schadendorf,

    eine Genossenschaft – naive Idee. Es werden sehr viel höhere Summen benötigt für die von Herrn Krauthausen benötigten Ziele.
    Stiftung: Habe ich ein ungutes Gefühl, Stiftungen werden immer sehr stark vom Stiftungsgeber bestimmt, der die große Summe mitbringt und dann auch einwirken will.

    Deshalb bleibt der beste Weg, meiner Meinung nach, im Parlament
    für die Erreichung der Ziele bei Zusicherung, dass es für Menschen mit Behinderungen keine Mitmach-Barrieren mehr gibt.

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