Auf das Ziel kommt es an

Demo zur Anhörung des Bundesteilhabegesetz
Demo zur Anhörung des Bundesteilhabegesetz

Zeit für ein bisschen ehrlich sein: Machen wir uns die unterschiedlichen Startbedingungen klar. Wir wollen doch alle ans Ziel.

Gleiches Recht für alle – auf diesen Grundsatz können wir alle uns einigen. Doch langsam frage ich mich, ob damit zu viel Wischiwaschi einhergeht. Denn selbst wenn wir als Menschen in einem Rechtsstaat vor dem Recht gleich sind, die Lebensbedingungen sind es nicht. Dies hat vor zwei Jahren ein kurzer Film veranschaulicht, in dem Jugendliche in den USA zu einem Wettrennen aufgerufen wurden: Zu gewinnen waren 100 Dollar, doch zu Beginn las der Schiedsrichter Kriterien vor. Traf jeweils eines zu, durften die Teenager zwei Schritte Vorsprung nehmen, zum Beispiel wenn die Eltern noch verheiratet waren, man mit einem Vater aufgewachsen war, Zugang zu privaten Bildungsangeboten hatte, den Eltern nie beim Bezahlen von Rechnungen helfen musste und sich nicht fragte, woher das nächste Essen kommt.

An der Startlinie lichtete sich das Feld. Diese Privilegien verliehen einigen Läufer*innen einen uneinholbaren Vorsprung vor anderen. „All das hat nichts mit dem zu tun, was ihr getan habt“, rief der Schiedsrichter. Es wurde dann ein ziemlich trauriges Rennen.

Dass also mit dem reinen Postulieren von Gleichheit nicht unbedingt ein Blumentopf zu gewinnen ist, leuchtet ein. Den wichtigen Unterschied zwischen Gleichheit als „Equality“ und Fairness oder Gerechtigkeit als „Equity“ hat übrigens die Aktivistin Samantha Renke in einer Instagram-Gallery wunderbar herausgearbeitet: Eine Schuhgröße passt kaum jedem. „Wir sind nicht alle auf dem gleichen Spielfeld“ schreibt sie. Für Menschen mit Behinderung zum Beispiel gebe es das „Disability Price Tag“, die negativen Stereotype und unbewussten Vorurteile. Wichtiger sei es, sich auf die gleichen, eben universellen Rechte zu verständigen und bei der Frage der Verteilungsgerechtigkeit dann vor allem den Blick auf die Kontraste des Zugangs und der Möglichkeiten zu lenken. Also: nicht davon auszugehen, dass weil alle vor dem Recht gleich sind sie auch das gleiche brauchen, sondern die unterschiedlichen Startpositionen auf dem Feld anzuerkennen. Darunter setzt sie das Hashtag „#TargetedUniversalism“. 

Was ist das? Eben ein Universalismus, der zielgerichtet vorgeht. Der sich all der Vorsprünge bewusst wird und überlegt, wie die für andere ausgeglichen werden können. John Powell von der Berkeley Universität erklärt das in seiner Podcastfolge so: Targeted Universalism, oder gezielter Universalismus bedeutet zwar universelle Ziele zu setzen die für alle gelten. Die Strategien, wie diese Ziele erreicht werden, unterscheiden sich jedoch zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Eben je nachdem, an welcher Startposition sie sich im Wettrennen befinden. Für Menschen, die ohne Behinderung leben, bedeutet es, sich dem zu stellen. Dass Strategien, die für sie vielleicht funktionieren, eben nicht für jeden gleich funktionieren. Auch den Gefühlen stellen, die vielleicht ablehnender sind, als man denkt. 

Die Autorin Eszter hat auf Instagram einen kleinen Bericht geschrieben, wer und wo nicht mitgedacht wird, zum Ausnahmefall erklärt wird, Ablehnung erfährt. Wer von uns kennt sie nicht, die Erfahrungen auf dem Spielplatz der Kindheit – die Zurückweisung, das Ignorieren oder das bewusste Wegziehen anderer nicht behinderter Kinder durch ihre Eltern, wie es Eszter beschreibt. Hier hilft nur Bewusstsein auf der einen Seite.

Und auf der anderen Seite müssen sich Menschen mit Behinderung dieses toxischen Verhaltens erwehren, indem sie, wie es die Bloggerin Brandy vorschlägt, auch Bindungen kappen. Denn die eigene psychische Gesundheit ist schützenswert, um es vornehm auszudrücken. Brandy hat auf Instagram zehn Arten von Gaslighting aufgeschrieben: Wege, durch die einem vorgemacht wird, was man erfahre, das sei nicht real. „Leider erfahren wir Menschen mit Behinderung dies allzu oft“, schreibt sie. Für sie sei ein Verhalten ein klarer Hinweis auf Gaslighting, wenn sie sich bei einer Person unterbewertet und nicht unterstützt fühle. Sie nennt Beispiele: „Warum dreht sich alles um deine Behinderung? Du siehst nicht behindert aus. Du musst nur positiver sein. Was du durchmachst, kann so schlimm nicht sein…“ Und, und, und.

Dies führt uns zurück zum zielgerichteten Universalismus. Verständigen wir uns alle auf die Ziele. Verständigen wir uns über den strukturellen Ableismus. Und wie wir uns davon befreien – ob ohne Behinderung oder mit.

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  1. Guten Abend Raul Krauthausen, einen verfälschten Wettbewerb würde ich nicht wollen, habe ich nie gewollt, ich konnte mich aber locker machen, wenn ich die Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen nicht gekriegt habe und auch das Nichterreichen der Siegerurkunde machten mir nichts aus, trotzdem wurde einmal eine für mich erstellt, ich sollte mich auch mal über eine Urkunde freuen, was ich aus Freundlichkeit tat. Es war ja nicht böse gemeint, aber von mir aus hätte es nicht gemusst. Da war mir Frau Rönnfeld lieber, Sportlehrerin, Realschule. Ich hatte immer fürchterliche Angst am Stufenbarren über den oberen Barren zu springen, vom unteren Barren aus. Es dauerte und dauerte, mir wurde kalt, Frau Rönnfeld, die Hilfestellung anbot, blieb ruhig, und wartete ab, ich kam aus der Nummer aber nicht heraus, die anderen Kinder hatten Respekt vor Frau Rönnfeld und auch vor mir, schon deshalb, weil Frau Rönnfeld ganz klar demonstrierte, dass es nichts komisch zu finden gab an meiner Zögerlichkeit. Irgendwann sprang ich, Frau Rönnfeld freute sich, ich freute aus Freundlichkeit mit, wohl wissend, dass ich beim nächsten Mal die gleiche Angst haben würde. Wichtig war, wie Frau Rönnfeld mich mitmachen lassen hat, selbstverständlich, ohne herum zu diskutieren, warum Gabi so lange auf dem Barren steht. Es gab keinerlei Hänseleien nichts, Frau Rönnfeld war mir ansonsten nicht mehr zugewandt als den anderen Kindern, das hätte vielleicht Probleme gegeben. So aber funktionierte das sehr gut. Ich mochte Sport nie, aber Frau Rönnfeld habe ich als einer der fähigsten Inklusionsexpertinnen in Erinnerung. Toller Mensch, klarer Charakter.

  2. Guten Morgen Raul Krauthausen, Lockdownverschärfung, geplante Ruhetage, ich bin gespannt, was im Abgeordnetenhaus noch heraus kommt, wiewohl ich dann schon weg bin zu Mutter. Auf das Ziel kommt es an, stimmt schon, ich möchte Inklusion und wenn die gar nicht erreicht wird, wäre das schlecht. Aber kann das Ziel inklusiv erreicht werden, ohne den Weg inklusiv zu nehmen? Ich denke, nein, das wäre unlogisch. Ich kann kein gemeinsames Ziel erreichen ohne einen gemeinsamen Weg. Vielleicht wünschen sich heute manche wieder so einen wie Heinz Zellermeyer, der 1949, nach einem, so wird es in Ilse Zellermeyers „Prinzessinnensuite“, Aufbauverlag Berlin 2010, erinnert, Zechgelage mit dem amerikanischen Stadtkommandanten General Frank Howley, dafür gesorgt haben soll, dass der zunächst eher zögerliche Polizeipräsident West-Berlins Dr. Johannes Stumm, dann doch die partyfeindliche Polizeisperrstunde aufgehoben habe. Den britischen Stadtkommandanten habe man allerdings nicht überzeugen können, ein „Puritaner“ sei dieser gewesen, so die Einschätzung Ilse Eliza Zellermeyers. Heinz Zellermeyer ging ab und zu auch den parlamententarischen Weg, für die CDU, dies auch schon im Jahr 1949, aber nicht in dieser Sache. Später wünschte sich Heinz Zellermeyer, das erinnere ich aus einer Sitzung des Abgeordentenhauses in den 60er Jahren einen Überblick über die Infrastruktur Berlins, wo Bauten stehen, Tankstellen etc. ein SPD-Abgeordneter reagierte darauf genervt, nach 20 Jahren mache man das jetzt nicht. Die Idee fand ich aber persönlich gut. Wer war britischer Stadtkommandant? Da die Sperrstunde im Juni 1949 faktisch aufgehoben wurde, könnte es Generalmajor K. G. Bourne gewesen sein, der wohl im Januar Otway Herbert abgelöst hatte, laut Wikipedia überlappen die Amtszeiten um eine Woche?? Von 1946 bis 1990 hätten alle Stadtkommandanten in der Villa „Lemm“ gewohnt. Wieso wendete sich Heinz Zellermeyer nicht an das Abgeordnetenhaus Berlin mit seinem Wunsch in dem Fall?
    Richtig war es nicht, finde ich – und so möchte ich das in der Gegenwart auch nicht geregelt wissen, auch nicht, wenn es so wäre, wie Heinz Zellermeyer gesagt haben soll, laut Ilse Eliza Zellermeyer, S. 142/143: „Solange ein Gast in der Kneipe etwas zu trinken bekommt, verlässt er sie, von Ausnahmen abgesehen, friedlich und gesittet. Der Krawall entsteht doch erst, wenn der Wirt „Schluss“! ruft und die Besoffenen auf die Straße gesetzt werden.“
    Mag etwas dran sein, aber ich bin trotzdem für Parlamentarismus.

    Ilse Eliza Zellermeyer erinnerte, dass Joachim Ludwig 1956 “ das große Konzertexamen mit Franz Schuberts abgeschlossen und eine erfolgreiche Konzertlaufbahn begonnen [habe], die ihn über die Goethe-Häuser nach Asien, Amerika und Australien“ reisen lassen hatten. (S. 167) In London, im Picadilly Hotel schrieb Jean Genet ein Jahr später einen Brief an seinen Herausgeber Marc Barbezat, es ging darum, wo seine Theaterstücke aufgeführt werden könnten, Berlin war auch dabei, damit gehe ich später gerne zum Tagesspiegel.

    Herzliche Grüße und trotz Sperren, und wir wissen ja noch nicht ganz genau welche, eine gute Zeit.

  3. Ich bin seit 2018 voll erwerbsgemindert, darf max 3 Stunden pro tag arbeiten laut Gutachten. Der Gutachter hat sich nur halbe Stunde Zeit genommen kaum Fragen gestellt, die ganze Zeit im Affenzahn etwas in sein Diktiergerät gebrabbelt und dabei meine Krankenunterlagen durchgebättert, um dafür mehrere Tausend Euros zu verdienen. Seit 2000 chronisch psychisch krank und immer durchgekämpft. Jetzt absolut ausgebremst. Wollte bis 6 Std pro Tag arbeiten können. Vor der Begutachtung habe ich ja sogar vollzeit gearbeitet mit 45 Min fahrzeit mit Auto.

    naja egal angenommen jetzt mal es hat alles seine Ordnung. Warum darf ich damit dann Vollzeit arbeiten im 1. Arbeitsmarkt mit Übergangsgeld (120€ mehr als jetzt 400 € zum Leben (ohne Versicherung und Miete eingerechnet)) wenn ich wollte (in einem Berufsbildungsbereich, der mein einziger Weg in den ersten Arbeitsmarkt wäre in einer zweijährigen Maßnahme) oder in einer Behindertenwerkstatt??? Wieso darf ich im geschützen Rahmen Vollzeit (!) arbeiten, wenn mir nur max 3 Stunden Belastbarkeit zugemutet wurde per Gutachten.

    das ist doch verlogen. Größter Nachteil ist, dass ich trotz Hochqualifikation im IT Bereich nur noch für Hungerlohn arbeiten darf/muss.

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