Die Lügen der Wohlfahrtsverbände

Wer erst “Barrieren in den Köpfen” beseitigen will, betreibt die gleiche Augenwischerei wie Weiße, die nichts gegen ihren Rassismus tun wollen.

Ich kann diese Plakate nicht mehr sehen. Sie lächeln mich auf der Straße an, von Litfaßsäulen herab grüßen Gesichter glückliche Erwachsene und noch glücklichere Kinder. Aufklärung soll das sein. Fast alle Wohlfahrtsverbände in Deutschland argumentieren, man müsse sensibilisieren, für die Belange der Menschen mit Behinderung. Verständnis für sie wecken. Letztendlich wollen sie darüber aufklären, dass Menschen mit Behinderung auch Menschen sind. Für diese Binse investieren sie Millionen von Euro in Werbekampagnen, und dann sind Deutschlands Straßen voll mit lächelnden Gesichtern – eindimensional auf Papier und damit in Parallelgesellschaften wie den isolierten Werkstätten und Wohnheimen eingerahmt, während nicht wenige Gebäude in der dreidimensionalen Welt dieser Straßen kaum barrierefrei sind, was eines der Probleme ist, um die wir uns zuallererst kümmern sollten.

Es ist zum Mäusemelken.

All diese Kampagnen und das Gerede über Inklusion verschieben ein wichtiges Problem auf den Sankt-Nimmerleinstag: elementare Rechte von Menschen mit Behinderung werden ignoriert.

Müssen wir etwa Männer dafür sensibilisieren, dass Frauen auch Menschen sind? Oder dass Nichtdeutsche auch Menschen sind? Hat sich ein einziger Nazi durch das Anschauen eines Plakats gedacht: „Stimmt, Ausländer sollte ich eigentlich nicht jagen…“?

Let’s meet

Was einen Rassisten vielleicht bekehrt, ist die Begegnung. Das schafft eine Chance. Wenn also Wohlfahrtsverbände lamentieren, man müsse erst einmal “die Barrieren in den Köpfen” der Gesellschaft abbauen, dann irren sie. Erst einmal müssen die real existierenden Barrieren gebrochen werden. Es geht um das Barrieren-Brechen im Alltag. Schulen müssen barrierefrei gemacht werden, die Straßen und die Verkehrsmittel, Kinos, Restaurants und Bars – damit wir uns überhaupt begegnen können. Danach können wir uns um die Barrieren in den Köpfen kümmern, wenn es sie dann noch gibt. Wohlfahrtsverbände aber lamentieren über den zweiten Schritt, um den ersten nicht machen zu müssen. Sie irren absichtlich – und damit lügen sie. Denn so bleibt alles, wie es war. Und das bedeutet: Keine Überlegenen ohne Unterlegene.

Der Forschungsbereich Critical Whiteness beschäftigt sich mit dem Weißsein als Norm, welche Privilegien mit sich bringt. Die Mehrheit schafft dadurch strukturierte Ungleichgewichte und eine Überlegenheitsposition von Weißen, über die sie wenig nachdenken. Wer nicht zu den Weißen gehört, muss sich dann stets mit dem Rassismus auseinandersetzen, ob er will oder nicht. Denn der ist da. Letztlich werden People of Color in den Köpfen als fremd eingestuft. Damit schafft das Weißsein einen unsichtbaren Maßstab für das Leben in Deutschland. Und es werden haufenweise Klischees geschaffen, bewusste und unbewusste (Stichwort: „Stuttgarter Randale“), die gefährlicher sind als die offene Anfeindung eines „Ausländer raus“ brüllenden Nazis, weil man Journalisten oder Oberbürgermeistern eher glaubt. 

Diese Normen des Weißseins lassen sich auch nicht erfolgreich ausblenden, denn Aussagen wie “Ich sehe keine Hautfarben” oder “Für mich sind alle Menschen gleich” verwischen die Diffamierungserfahrungen, die Menschen machen und münden in Ignoranz. Daher hören wir nun allerorten, dass Weiße hinhören sollen, sich zurücknehmen sollen, Begegnungen zulassen sollen. Ein Problem: Weiße leben in einer Gesellschaft, in der sie sich wohl fühlen können, denn sie sind stets repräsentiert, da drängt sich die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit Rassismus nicht durch die Vordertür auf. Weist man sie dann auf rassistisches Verhalten hin, reagieren sie zuweilen pikiert bis ablehnend. Will man ja nicht hören. Übrigens sehen Weiße sich natürlich als Individuen, während People of Color von ihnen als Mitglieder einer Gruppe wahrgenommen werden. Linke und Liberale schließlich sollten nicht so tun, als könnten sie nicht rassistisch sein – das macht sie nur weniger offen und verschärft das Problem.

Auf und zu einer Schublade

Was dieser Exkurs soll? Ich werde ihn nun in die Lebenserfahrungen übersetzen, die Menschen mit Behinderung machen.

Norm in Deutschland ist, dass man nicht behindert ist. Menschen ohne Behinderung schaffen ein strukturiertes Ungleichgewicht, in dem Menschen mit Behinderung als anders wahrgenommen werden. Menschen mit Behinderung müssen bangen und kämpfen, damit sie eine Schulbildung und eine Chance auf dem Arbeitsmarkt wie die „Anderen“ erhalten. Sie müssen sich jeden Tag mit Diskriminierung auseinandersetzen: Wenn sie zum Beispiel irgendwo nicht weiterkommen, wenn man sie bevormundet oder über sie hinweg sieht. Immerhin blicken Menschen mit Behinderung auf eine lange Geschichte der Aussonderung zurück. Sie wurden früher weggesperrt und in der Nazizeit gar massenhaft ermordet, und heute leben und arbeiten sie oft isoliert in Sondereinrichtungen.

Dieser unsichtbare Maßstab hat Folgen. Denn wenn eine Behinderung als eine Abweichung wahrgenommen wird, setzt sich das medizinische Modell von Behinderung durch: Dann ist Behinderung ein Mangel, eine Krankheit. Dies aber stimmt meist nicht mit den eigenen Realitäten der Menschen überein, die mit ihrer Behinderung leben und sie als Teil ihrer Identität kennen. Und auch wir haben unsere Journalist*innen und Oberbürgermeister*innen, die zu einer verfahrenen Situation beitragen: Werkstätten für behinderte Menschen genießen einen guten Ruf, obwohl sie in Wirklichkeit unterfordernde Sondereinrichtungen sind. Endlos sind die Tiraden in der Mehrheitsgesellschaft, die davon labert, wie „gut eingebunden“ man durch die Werkstatt in die Arbeitswelt sei. Es ist auch falsch,  von einer „Farbblindheit“ zu sprechen und alles zu verwischen, weil ja jeder irgendwie eine Behinderung habe – denn so wird auf Diffamierungserfahrungen ein Deckel gestülpt, ein Diskurs unterbunden.

Vor allem Menschen, denen eine Behinderung fehlt, sind die, die über Menschen mit einer solchen reden. Sie beurteilen und legen fest. Daher gibt es nun den Appell, dass sie sich zurücknehmen sollten, zuhören sollten: Nichts über uns, ohne uns! Das geschieht nicht folgenlos. Wer einen Menschen ohne Behinderung auf sein Fehlverhalten hinweist, etwa auf Bevormundung oder ungefragtes Berühren, hört zuweilen pikiert: „Ich wollte doch nur helfen“ – und man ist in der Ecke des undankbaren, griesgrämigen Krüppels. Von Linken und Liberalen können wir auch manches Lied singen. Da gibt es die Helikopter-Eltern, die stets alles besser wissen, oder Leute in Berufen, die mit behinderten Menschen arbeiten und sie als Objekte sehen, für die sie entscheiden. Das trifft natürlich nicht auf alle zu, aber auf einen Teil. Und der bildet sich zu einer Struktur aus.

Um all diesen Mist abzubauen, brauchen wir Begegnung und Protest um die Teilhabe behinderter Menschen zu ermöglichen. Aber bitte klebt keine weiteren Plakate!

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  1. Raul, Du bist ein Genie. Klarer und Besser geht es nicht. Du hast völlig recht, solange man vom Unterschied redet, wird es ihn geben. Normalität sieht anders aus.
    Ob „Frauen Menschen sind“ – nun, es hat lange gedauert, wobei ist der Prozess den schon abgeschlossen(?), bis Frauen als eigenständige Wegen agieren durften. In den 60ern war das noch völlig anders. Gerade mal 60 Jahre her!

    Und ja, Du hast völlig Recht! Wie wäre es, wenn die Nochnichtbehinderten Menschen in unserer Position wären? Wenn wir darüber bestimmen würden, ob sie dies oder das dürfen oder bekommen.
    Ich sage es immer und immer wieder: 15.000.000.000 Euro (15 Millarden) Euro
    werden Jahr für Jahr aufgrund unserer Existenz erwirtschaftet! Ein kompletter, gut verdienender Wirtschaftszweig würde wegbrechen, gäbe es uns nicht!

    Menschen mit Behinderung kosten kein Geld – sie bringen Geld!

    Aber lassen wir das materialistische weg. Sind wir nicht Vorreiter für all die, die nach uns kommen? Geben wir und zeigen wir durch unseren Lebensmut und Motivation nicht weit mehr als jeder Cent dieser Erde. Sind wir nicht allein dadurch eine Bereicherung der Gesellschaft. Ist unser „Hey, und es lohnt sich doch, jeder Tag, jede Sekunde“ nicht für alle ein positives Signal?
    Es gibt keine Garantie auf ein gesundes, unbehindertes Leben – aber es gibt uns, die darüber berichten, dass man trotz einer Einschränkung seinen Platz im Leben finden kann.

  2. Ja, danke Dir! Gerade WfbM sehe ich immer wieder kritisch. Jetzt gibt es in Hamburg TAK. Dafür, las ich gerade, muss man beim Rententräger einen Antrag auf Teilhabe für Arbeit stellen, dann MUSS der abgelehnt werden, dann darf man sich einen TAK Anbieter suchen. Wir haben so ein Angebot und werden damit gutes Geld verdienen… Ich finde nicht alles toll, was in USA fegt, aber da gibt es fūnf Menschen, die mit Down Syndrom eine Pizzeria betreiben, einen Menschen der eine Gãrtnerei nut Unterstützung fūhrt und einen jungen Mann, der eigene designte Socken vertreibt, wo sein Vater ihn bei unterstūtzt.. Da geht also was

  3. Lieber Raul,
    ich danke Dir für diesen sehr offenen und ehrlichen Artikel. Ich wünsche mir das viele Menschen ihn lesen und dann auch handeln! Das wäre dann ein wirklich wahres Sommermärchen.

  4. Hallo,
    sicher ist vieles richtig, ein Freund von teuren Großplakat-Kampagnen bin ich auch nicht, für das Geld gibt es auch m.E. bessere Maßnahmen. Aber das generalisierte Wohlfahrtsverbands- und Werkstätten-Bashing bin ich doch etwas leid. Nicht jede*r Autist*in kann studieren und nicht jeder Mensch mit Downsyndrom selbstständig eine Pizzeria führen – den Alltag und die Menschen an diesen unterstützenden, Heimat-gebenden und Teilhabe fördernden Orten sollte man schon etwas genauer anschauen, bevor man in Bausch und Bogen meist nur „alles“ verteufelt.

  5. Ja, die Gleichheit in den Köpfen ist das Problem. Die Plakate der Wohlfahrtsträger sind dazu nicht hilfreich, weil sie aussondern. Werbung auf Mitleid basierend zum Sammeln von Spenden? Noch schlimmer, ich erlebe nicht ausgestattete Wohlfahrtsträger, die in ihrer Hilflosigkeit mit solchen Werbeaktionen Spenden sammeln müssen, für Leistungen, die Sache der Sozialträger wären. Als Aktionist für Menschen mit Einschränkungen aus der Jugendhilfe, dem sogenannten § 35 a-SGB VIII-Personenkreis, auf ein Drittel des Benötigten heruntergekürzt, die Grundsicherung negierend, ständig retraumatisiert in den Einrichtungen, was nicht einmal mit Strafgefangenen gemacht werden darf, erlebe ich verstärkt „Kaspar-Hauser-Fälle“. Das wird aus denen, die Nora Fingscheidt in ihrem Film im Kindesalter beschreibt, wenn sie älter werden und man es dem Staat überlässt. Gesetzliche Betreuer sind da rechtlich kaltgestellt! Dazu passt auch der Artikel „ein verwundetes Leben“ von Jan Rübel im Stern 5/2019, wo ich ihn begleitet habe. Das schöne ist, im richtigen Setting würden sich diese Personen erholen und gesellschaftlich Leistung bringen können. Genau das wird aber behördlicherseits verwehrt. Als Betreuungsspezialist bekomme ich eine Wut über solche Plakate, ebenso wie über einen Werbespot eines Stuttgarter Autoherstellers, wo der Stinkefinger gegen schwächere gezeigt wird. Was ja im Trend liegt, denn bis heute gibt es in dieser Mobilität keine Führerscheinprüfungen in leichter oder einfacher Sprache, aber in jeder anderen Sprache, eine elitärer Dünkel. Solange sich Sozialträger massiv gegen ein selbstbestimmtes persönliches Budget wehren, vermittelt auch der Staat, dass es ihm nicht ernst ist mit der Gleichheit.

  6. Hallo Raúl,
    Ich arbeite bei einem Wohlfahrtsverband, und empfinde Deine Argumentation nur in Teilen richtig.
    1. Pauschalierungen sind nicht immer hilfreich, darum kann ich nur für meinen Bereich sprechen, ich kenne auch nicht alle Öffentlichkeitsaktionen aller Wohlfahrtsverbände. Über deren Sinn und Unsinn man auch immer diskutieren Und streiten soll und kann. In meinem Bereich kämpfe ich auch im Behindertenbeirat um ganz konkrete Aktionen zur Barrierefreiheit.
    Wohlfahrtsverbände sind nicht in erster Linie Betreiber von Schulen und z.B. dem öffentlichen Nahverkehr, sie haben deshalb dort nur wenig Möglichkeiten Barrierefreiheit maßgeblich voranzutreiben. Eine Möglichkeit ist es, in unterschiedlichen Gremien Druck zu machen und Betreiber darauf hinzuweisen, dass es sich um elementare Rechte von Menschen unserer Gesellschaft handelt. Diese Rolle nehmen wir zumindest hier gerne an und füllen Sie aus, ob das immer so geschieht, kann ich nur mittelbar beurteilen, um nicht ebenfalls einer Verallgemeinerung zu unterliegen.

    Es hilft uns nicht Barrieren zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen aufzubauen, Kritik ist immer wichtig und konstruktiv auch hilfreich. Ich achte Dein Engagement sehr, und unsere Gesellschaft braucht Deine Stimme.
    Ich finde das wir Verbündete suchen sollten und uns nicht gegenseitig an den Pranger stellen sollten, unsere Gesellschaft braucht Bündnisse, Gräben gibt es in der heutige Zeit schon genug, sie voll mit Hass und gegenseitiger Geringschätzung.
    Ach übrigens, ich habe auch eine Schwerbehinderung.
    Grüße Rainer

  7. Ja! Ja! Früher war alles besser – auch die Behinderungen. Ich wuchs in den 60ern unbehindert auf. Mein Vater war ein zu 100 % Kriegsversehrter. Ich wuchs in Hamburg in einem Arbeiterviertel auf. Hier liefen, humpelten und rollten eine ganze Reihe Kriegsversehrte herum, einarmige, Menschen, denen Augen fehlten (einmal sah ich bei Krauth einen Mann ohne Wange, der gerade seine neue Prothesenschale erhielt) – zwischen Nichtbehinderten. Und keiner störte sich daran, es wurde nicht wirklich wahrgenommen – weil es so relativ viele waren. Weil jeder nach seinen Möglichkeiten agierte. Echte Inklusion – sicher auch in anderen Stadtteilen. Die Diskriminierung begann meiner Wahrnehmung nach erst, als es immer weniger Kriegsversehrte wurden, da diese Menschen durch das Alter wegstarben. Man hatte nicht mehr behindert zu sein. Der Krieg war lange vorbei – und das übertrugen die Menschen auf ihre Kinder. Man wollte schließlich nicht mehr erinnert werden. Und heute wird das übertragen. So hat ein Theater hier in Hamburg ganz stolz zwei Laiengruppen. Eine Gruppe, die aus Nichtbehinderten besteht – und eine, die aus Behinderten besteht. Äh! Man merkt was?

  8. Hey!
    Dieser Artikel faßt sehr auf den Punkt zusammen, was mir (in wesentlich komplizierteren Sätzen) schon oft durch den Kopf gegangen ist. Viele meiner Freunde sprechen kein Deutsch, schreibst du auch auf Englisch bzw. gibt es Übersetzung? Ich würde den Artikel gern teilen.
    LG!
    Tonja

  9. Vielen Dank für solche Beiträge!! Ich habe ein Kind mit einem gendefekt und aufgrund meiner Erfahrungen vor allem mit der Bittstellerposition gegenüber Behörden ein Kunstprojekt ins Leben gerufen mit dem Ziel, Sichtbarkeit zu schaffen. Ich lerne erst jetzt in meiner Öffentlichkeitsarbeit die verschiedenen Strukturen, Vorurteile und auch Anmaßungen, Nichtbehinderter Menschen gegenüber Behinderten (auch meine eigenen, die zwar nie aus Bösartiger sondern aus Unwissen herrühren). Solche Artikel zeigen auch Leuten wie mir ihre Fehler auf und lassen uns lernen Danke!

  10. Es ist wahr: Der größte Feind der Inklusion ist die Wohlfahrtsindustrie. Es geht um viel Geld und sechsstellige Geschäftsführergehälter. Sie setzen sich auch bei Gesetzgebungsverfahren durch und haben dafür hoch bezahlte Lobbyisten und Juristen. Bei der Anhörung zum BTHG waren gleich mehrere nichtbehinderte Vertreter der Wohlfahrtsverbände als Sachverständige vertreten- es war aber keine Seh-oder Hörbehinderte Person eingeladen. Das Ergebnis sieht man jetzt. Beispiel: Das Budget für Ausbildung wird überhaupt nicht umgesetzt. Das Gesetz ist so formuliert, dass keine WfbM fürchten muss, nur einen Menschen an den ersten Arbeitsmarkt zu verlieren.

  11. Klare Worte. Für mein Empfinden zu wenig Schimpfworte, aber jeder hat sich unterschiedlich unter Kontrolle.

    „Und keiner störte sich daran, es wurde nicht wirklich wahrgenommen, weil es so viele waren…“ – ein schöner Satz in den Kommentaren. Ich wünsche mir den Satz „Und keiner störte sich daran.“

  12. Hallo,
    obwohl selbst ein Mensch mit Behinderung, hat mir dieser Artikel einiges offenbart. Bei solchen Plakat Kampagnen kann man getrost von einem stumpfen Arbeitsnachweis sprechen. Wesentlich sinnvoller finde ich Formate wie auf YouTube den Kanal Gewitter im Kopf, wo Jan, ein Junge mit Tourette und sein Kumpel Tim vor allem unterhaltsame Videos über sich selbst machen. Mag zwar keinen bildenden Charakter besitzen, aber es macht diese Erkrankung nahbar und zeigt, dass Jan sich deswegen nicht massiv von anderen unterscheidet. Meine Auffassung zu den Werkstätten ist die, dass es hier nicht mal einen echten Lohn gibt. Mit diesem könnte ein gerechterer Wert der Arbeit dort enstehen. Es muss endlich als das angesehen werden, was es ist, Arbeit und die ist zu entlohnen. Ansonsten ist es Sklaverei.

  13. Wenn ich in den Niederlanden unterwegs bin, fällt mir immer wieder auf, wie anders dort mit Behinderten umgegangen wird. Während man sich hier ungeniert darüber auslässt, dass der Paritätische doch nicht unbedingt mit seinen Behinderten durch die Fußgängerzone laufen muss und einem so die schöne Aussicht verdorben wird, sieht es im Nachbarland für mich ganz anders aus. Zwei Stunden in einer Einkaufspassage durfte ich staunend erleben, dass Behinderte einfach mit Familien unterwegs waren oder am Tisch saßen. Ein Erwachsener auf einem Laufrad, wie ich es hier noch nie gesehen habe, war alleine unterwegs und ganz selbstverständlich wurde ihm Platz gemacht oder die Tür aufgehalten. Neben dem Gedanken, dass dieses Rad dem jungen Mann die Fortbewegung enorm erleichterte, war mir gleichzeitig klar, dass er bei uns damit selbst auf dem Bürgersteig als störend empfunden würde.
    Im Freizeitpark Efteling gibt es nicht nur Extrazugänge für Rollstuhlfahrer, sondern auch Unterstützung um in Fahrgeschäfte umzusteigen. Natürlich wird damit auch nicht jedem geholfen, aber mich hat diese Selbstverständlichkeit und die Freude, die es den Betroffenen und ihren Begleitern bereitete, sehr berührt und im Nachgang beschäftigt.

  14. Danke für den Artikel. Leider sind die Menschen, die die Behinderung des anderen so in den Vordergrund stellen und wenig in Möglichkeiten denken und die Ressourcen anerkennen, meiner Meinung nach selber eingeschränkt. Das die fehlende Begegnung einen Beitrag dazu leistet, sehe ich ganz genauso.
    Oft fehlt diesen Menschen aber schon die fehlende Auseinandersetzung mit eigenen Einschränkungen und Schwächen. Wir leben in einem System das eher aussortiert, als anerkennt, was die Bildung und Entwicklung junger Menschen betrifft. Menschen werden so bewertet, wie ihre Fähigkeit für den Arbeitsmarkt wirtschaftlich ist.
    Die fehlende Lobby und Augenhöhe kommt da noch hinzu. Wir leben in einer Gesellschaft die auf Funktionalität ausgelegt ist und in ihrem Denken häufig noch sehr tradiert was Einschränkungen jeder Art betrifft. Blicken wir auf die Vergangenheit wird klar, das es natürlich schon Entwicklungen gegeben hat. Menschen mit Behinderungen wurden damals als Schwachsinnig bezeichnet, oder für Medikamentenversuche herangezogen. Wir können wirklich nicht stolz auf diese Vergangenheit sein, aber die Tatsache, das 90% der Babys mit Downsyndrom schon direkt entfernt werden, macht es auch nicht schöner. Was sagt das denn aus?! Im Grunde sehen sich die Menschen, die sich gegen ein solches Kind entscheiden nicht in der Lage, mit dieser Einschränkung zu überleben, da es zu viel Kraft kostet, ein Kind mit Einschränkung zu begleiten. Es gibt natürlich heute viele Einrichtungen, die der Unterstützung dienen sollen, aber sich einzig auf diesen kleinen Schritten und Zugeständnissen auszuruhen, ist im Grunde fatal. In den Medien finden wir Dokus von Familien mit Kindern mit Behinderung, die am Limit ihrer Belastung sind. Dann werden wiederum Kampagnen gestartet und man sieht Aktionen mit Werbevideos, wo Kinder mit Behinderungen dann in Farbpulver tanzen und alle ständig am Lachen sind, weil das Kind ja enorm viel Freunde in ihr Leben gebracht hat. Natürlich bringen Kinder große Freude, egal welches Kind. Aber mit der Lebenswirklichkeit und der Belastung, die es auszuhalten gilt, eben auch viele andere Herausforderungen. Das alles zeichnet ein Bild, dass wenig mit gesellschaftlicher Teilhabe und Inklusion zu tun haben kann, so wie sie eigentlich sinnvoll wäre. Behinderung ist für viele Menschen noch etwas sehr fremdes und mit sehr vielen Gedanken verknüpft, die nicht zulassen können den anderen gleichzustellen. Aber so geht diese Gesellschaft leider nicht nur mit Menschen mit klarer Behinderung um. Mütter, Alleinerziehende und sozial schwache Familien haben erstmal ein dickes Minus auf ihrem Akzeptanzkonto, was sie chronisch zunächst in die Beweispflicht zwingt, das sie trotzdem produktiv und ernst zu nehmen sind. Oft werden die Ressourcen, die diese Menschen entwickeln unterschätzt. Sollte den Menschen dann eine Möglichkeit gegeben werden, sich im Arbeitsleben, oder Alltag zu beweisen, sind dann viele ganz erstaunt und überrascht, wie leistungsfähig diese Menschen doch sind. Dieses Erstaunen ist nicht positiv zu sehen, eher ein erschreckendes klares Zeichen, das etwas gewaltig schief liegt, nicht nur beim Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Allgemein wird mit jeder Form von Schwäche, Alterung, Trauer, Ausnahmesituationen so verfahren. All diese Dinge offenbaren eine Hilflosigkeit und Ignoranz, die leider salonfähig ist. Es ist allgemein üblich eher zu Schweigen und den stillen Rückzug zu wählen, damit hat sich das „Problem“ erledigt.

  15. Sanfte Blicke, nette Komplimente ob der Fähigkeit trotz Behinderung das Leben zu meistern outen ebenso wie ungefragte Hilfestellungen oft als pures Dominanzgebaren, als billige Erhöhung der eigenen Person.
    Mit Wohltätigkeit lässt es sich außerdem gut verdienen, die gesellschaftliche Anerkennung ob des sozialen Engagements ist inklusiv. Ein trauriges Beispiel der Bigotterie ist die hessische Arbeiterwohlfahrt. Horrende Gehälter, PS-starke Dienstwagen und zwielichtige Geschäfte. „Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechts im Mistloch der Gnade“ ,
    (Johann Heinrich Pestalozzi)
    Gleichberechtigung sieht für mich anders aus.

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