Für ein Grundrecht auf Bäh

Ein Leben mit Behinderung – lauter Gründe, um glücklich zu sein, heißt es oft. Ein Leben mit Behinderung – das ist keine Last, das ist vor allem Glück. So erscheint es, wenn man Inklusions-Reportagen und Co. liest. Und es stimmt: natürlich kann auch eine Behinderung Quell für Lebensglück sein. Kann, muss aber nicht immer. Und das wollen viele nicht hören.

Ich bin schon ein extremer Typ. Eigentlich ist jedes Leben mit Behinderung extrem – aber nicht wegen der Behinderung, sondern wegen dem, was aus ihr gemacht wird. Das klingt kompliziert? Ist es auch. Wir haben es mit zwei Extremen zu tun:

  1. Das eine Extrem bilden die desaströsen Negativ-Erwartungen: Wird zum Beispiel ein Mensch behindert, sei es durch einen Unfall oder weil er über den Haufen gefahren wird, überschlagen sich die Beschreibungen, was er alles „nie wieder“ tun wird, als würde eine Behinderung das Leben komplett ruinieren. Dieses Bild wird auch auf jene übertragen, die mit einer Behinderung geboren werden.
  2. Das zweite Extrem bildet sich durch die rosaroten Brillen, die man uns aufsetzt: Ein behinderter Mensch, der soll einfach happy sein. Er soll dankbar sein, weil Menschen ihm helfen, und er soll Inspiration für sie sein, weil er dem Schicksal trotzt.

Zwischen diesen beiden Polen lebt man also. Was aber, wenn ich mal Groll verspüre, Zorn aufsteigt, Schmerzen, manchmal auch Verbitterung? Das Leben ist kein Zuckerschlecken, und eine Behinderung ist erstmal, was das Wort meint: sie behindert. Und das nervt zuweilen. Meine Behinderung bedeutet begrenzte Ressourcen an Kraft – ganz unabhängig von den Einschränkungen und Barrieren, die die Gesellschaft zimmert, Die Behinderung ist ein Teil von mir. Gewiss nicht ausschließlich, auch wenn ich oft so behandelt werde.

Ich bin aber außerdem noch kreativ, liebend, nervend, zweifelnd und angeberisch, bescheiden, großmäulig, demütig und anfällig für Süßigkeiten. Es gibt viel, was nichts mit meinen Glasknochen zu tun hat. Was ich damit sagen will: Wir filtern zu viel. Dabei ist ein Mensch in sich vielseitig, und eine Behinderung trägt Gehöriges zum Leben bei. Sie zu ignorieren, funktioniert nicht. Ich habe es selbst ausprobiert. Einfach so tun, als hätte ich keine Einschränkung. Einfach mehr machen, als möglich ist: jede Anfrage, jede Verabredung, jeden Job. Es gibt aber eben Batterien, die müssen aufgeladen werden. Treppen, die umfahren werden wollen. Logistische Herausforderungen, die mehr benötigen als zwei Beine, die loslaufen.

Andersrum beschleicht mich Unwohlsein, wenn Leute zu mir sagen: „In meinen Augen bist du nicht behindert.“ Tja, bin ich doch. Das darf man ja wohl noch sagen. Und ich darf wohl auch hinzufügen, dass ich es schätze, bei Gesprächen nicht ständig Auskunft zur Osteogenesis imperfecta zu geben; es gibt ja auch noch andere Themen, von denen ich Ahnung habe. Aber um den heißen Brei krampfhaft herumreden, ist ja auch keine Lösung.

Das bringt mich wieder zu meinem Groll. Ich bin ein friedliebender Zeitgenosse, wirklich. Gut zuhören kann ich auch, hat aber weniger mit meinen Knochen zu tun; das liegt wohl eher in meinen Knochen. Aber manchmal ärgere ich mich durchaus über die praktischen Folgen dieses Osteo…not perfect. Gleichzeitig ist es nicht leicht, damit rauszukommen: mit dem Hadern über diese imperfekten Lebenslagen, die es MANCHMAL gibt. Denn Jammern gehört nicht zur offiziellen Jobbeschreibung eines Menschen mit Behinderung. Lieber soll er schüchtern lächeln und mit dem Kopf nicken, wozu auch immer.

Die Wutbürger sind gerade in Mode. Zwar finde ich, dass deren „Wut“ keine echte ist, sondern eine, an der sie sich ergötzen. Aber Verständnis erhalten sie schon, wenn sie ihre negativen Gefühle in angebliche „Sorgen“ kleiden: rauslassen dürfen sie es. Ich wünsche mir, dass es auch für meinen Groll mehr Platz gibt. So groß ist der ja nicht. Jeder Mensch trägt Wut in sich. Doch wenn behinderte Menschen mal hier und da ETWAS offener damit hadern, dass etwas nicht geht, dann „lamentieren“ sie sogleich und sind „Angry Cripples“, wird ihre „Verbitterung“ herausgestellt. Wisst ihr, wie müde es machen kann, zwanzig Mal am Tag „Danke“ zu sagen, nur um dieses Narrativ nicht weiter zu bedienen? Ehrlich, macht das mal, klingt ja nach wenig, kaum belastend. Aber macht es jeden Tag. Und glaubt mir, oft sage ich auch gern und in aller Herzlichkeit Danke.

Wie wäre es, wenn wir all die Vorurteile in ihrer Spannbreite von happy bis wutknatternd beiseite schieben und den Blick weiten? Wäre es nicht am besten, wenn wir alle versuchen alles ehrlich aus- und anzusprechen? Wenn wir uns alle in allen Facetten wahrnehmen und anerkennen? Um uns auf dieser Grundlage zusammen zu raufen, um gemeinsam Lösungen für soziale Missstände und Ungerechtigkeiten zu entwickeln? Naivling? Idealist? Meinetwegen. Besser als “Angry Cripple”.

Apropos “angry”: Ich kriege Pickel, wenn alle zwei Monate Post vom Sozialamt herein flattert: die immer gleichen Fragen, das immer gleiche, unbekümmerte Misstrauen: Man glaubt mir den Unterstützungsbedarf nicht. Das macht mich hilflos, traurig, wütend. Wenn ich darüber nicht klage, weil ich nicht in diese Ecke gestellt werden will, werde, wird sich nie etwas ändern. Aber in unserer Gesellschaft würden alle besser zusammenleben, wenn wir mehr Rücksicht auf den Mehraufwand nehmen, den das Dasein mit Behinderung mit sich bringt. Und generell begründeten Sorgen und Missständen, vor allem marginalisierter Gruppen, mehr Respekt und Ernsthaftigkeit gegenüber gebracht würde. 

Meine persönliche Verbitterung ist den äußeren Umständen geschuldet, den äußeren Rückschlägen, dem Sozialamt, oder der Tatsache,  dass ich eben nicht spontan irgendwohin fahren kann, sondern immer alles planen muss. Die sozialen Umstände nerven, weniger die medizinischen Diagnosen. Ich will nicht meine Behinderung überwinden, wohl aber Barrieren. Dafür muss ich mich emanzipieren, von den Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft, von allem, was mich auf meine Behinderung reduziert. Weil es um mehr, als um irgendwelche Merkmale geht. Lasst uns eine Gesellschaft werden, die handlungsfähig ist. Zu ihren eigenen Gunsten.Und das geht nur, wenn man auch mal meckern darf, ohne dass sich immer direkt jemand angegriffen fühlt. 

Ich und wir müssen sichtbar und laut sein, wenn wir dazugehören und mitentscheiden wollen.

Daher brauchen wir mehr Platz. Auch zum Dampfablassen. Für ein Grundrecht auf Bäh!

« »
  1. Guten Tag, Raul Krauthausen, besten Dank für den tollen Beitrag, „Grundrecht auf Bäh“ – ich musste lachen und habe direkt an letzte Tage gedacht.

    „Wäre es nicht am besten, wenn wir alle versuchen alles ehrlich aus- und anzusprechen?“ schreibst Du.

    Am besten wäre das, aber ich habe mich letzte Tage dran abgearbeitet – ich merke immer, dass ich eine Behinderung habe, wenn ich mich in Gesellschaft begebe, live, das tat ich vorgestern mal wieder. Es gibt dann Sachen, die mich gefangen nehmen und fertig machen, dieses mal war es ein Salatbeet am Rande meines Lieblingsfriedhofes, nebst zugehöriger Erklärung der Leute, die es betreiben.
    „Eindringlinge“! Auf meinem „Lieblingsfriedhof“! Der Kloß im Hals wurde dicker, dann schritt ich zum „ehrlich aus- und ansprechen“, denn sie hatten auch noch gesagt, dass psychisch Kranke und Junkies sich auf dem Friedhof tummelten, was nicht gut wäre: „Ich hatte vor Jahren große psychische Probleme, dieser Ort war genau der wunderbare Ruheort, den ich brauchte, nur deswegen bin ich heute hierher gekommen, es ist der schönste Park von ganz Berlin!“ Wäre ich ganz ehrlich gewesen, wäre ich jetzt zu heulen angefangen, schon zitterten Stimme wie Knie – mich machte die Situation fertig- das ist einfach nichts für mich – wäre ich bloß für mich ganz alleine in den Wedding gefahren, ich hätte den Salat gar nicht erst gesehen… Ich zitterte, rang um Contenance – dann aber schloss sich eine ganz gute Diskussion an – aber ich war fertig, für den Rest des Tages, des nächtens auch noch Albtraum.

    Aber Du hast Recht – einen Versuch war es wert, am nächsten Tag fand ich den ganzen Termin gar nicht mehr so schlecht, ich hatte eben „meinen Punkt“ klar gemacht, mich gezeigt, so bin ich eben. Was für andere ein kleines Gespräch neben her ist: „Jetzt ziehe Dich doch nicht an diesem Salatbeet hoch, Du spinnst ja“, ist für mich gegebenenfalls Schwerstarbeit.

    Ich wäre lieber ein bisschen lockerer in solchen Situationen, es war auch wie immer, ich vergnatze den einen oder die andere mit meinem Gebahren, täte es lieber nicht, aber wenn es da ist, ist es da, dann muss es auch raus.

    Früher ließ ich es nicht heraus, ich war dann noch fertiger, als ich heute bin und zog sich länger, bis ich es überwunden hatte.

    Aber so ist das. Am selben Tag war es heftig, die „Salatnummer“, am nächsten Tag ok, heute finde ich es schon eher komisch. Wenn ich einmal druff bin, Mensch nochmal..

    Wenn ich das nächste Mal auf Gruppe mache, wird es etwas anderes sein, irgendwas ist immer.

    Ich genieße die Sachen am liebsten alleine, Gesellschaft ist immer Schwerstarbeit, Nervenstress – ja, ja, Fortbildung ist es auch, lehrreich – deshalb werde ich es auch demnächst mal wieder machen, vielleicht so in einem halben Jahr.

    Dies hier, Forenarbeit, ist das schönste, was es gibt für mich, deshalb mache ich das so gerne und freue mich, auch hier schreiben zu dürfen.

    Herzliche Grüße
    Gabriele Flüchter

  2. Besten Dank für den heutigen Tweet
    „Meine Behinderung bedeutet begrenzte Ressourcen an Kraft – ganz unabhängig von den Einschränkungen und Barrieren, welche die Gesellschaft zimmert.“ Da habe ich länger drüber nachgedacht. Ich könnte nicht beantworten, was nur „ich“ bin für mein Leben mit Behinderung und was auch „andere“ sind. Da ist die spannende Grauzone, die mich ja mit den „anderen“ verbindet – wie bei einem Möbius.
    Ich bin, glaube ich, schon weniger belastbar, aber wann genau fing das an und wieso? Den „Kloß“ im Hals spürte ich schon als Schülerin hin und wieder, ein wenig belächelt oder auch ausgeschlossen zu werden, das kenne ich auch solange ich denken kann. Auch innerfamiliär kam ich mir öfter mal randständig vor.

    Aber, so nehme ich es wahr, das war viele Jahrzehnte alles nicht so wichtig, es bedeutete nicht viel, nicht für mein Fortkommen, nicht für meinen Alltag – es war da, eine Schwierigkeit ja, es war der Teil, der auch da ist, wenn ihn kein anderer macht, sicherlich.

    Ich habe aber solange damit gelebt in einer Gesellschaft, die sich nicht viel daraus machte, die es mitnahm, die mich mitnahm, vielleicht manchmal etwas hochnäsig mir gegenüber, oder gnädig, oder aber eben freundschaftlich oder kollegial, auch traf ich hilfsbereite, geduldige Leute.

    Es hat sich da aber meines Erachtens in der Gesellschaft grundlegend etwas gedreht, ich kriege das aktuell kaum mehr mit, für mich drehte es sich vor etwa 10-12 Jahren.

    Was ich war, wie ich war, war nicht mehr ok. Ich muss mit meinem Leben eine Grenze überschritten haben, von der ich bis heute nicht weiß, welche. Klar, ich machte Fehler, ich schwitzte bei der Arbeit riesige Flecken in die Kleidung, ich lief immer weitere Kilometer – weiter als heute, und ich laufe immer noch viele Kilometer – aber: War „die Gesellschaft“, die ich sah, „normaler“? – was ist denn überhaupt „normal“?

    Schwächer als die „anderen“ bin ich nur, wenn sie einen „Normalbegriff“ gegen mich zum Einsatz bringen können, sonst bin ich gar nicht schwächer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.