Raul Krauthausen - Aktivist

Lernende an Sonderschulen: Für immer aussortiert?

Kinderhände schreiben Zahlen auf ein Papierblatt

Der Fall Nenad M. schockiert und macht gleichzeitig Hoffnung

Die Schulentscheidung hat enorme Auswirkungen auf das gesamte Leben eines Menschen. Gerade in Großstädten findet alljährlich ein regelrechter Kampf um Schulplätze statt. Nicht selten sind Anwälte involviert, um das Kind doch noch an die gewünschte Schule zu bekommen. Noch prägender für eine Bildungskarriere ist die Entscheidung, ein Kind auf eine Förderschule zu geben.

Auch wenn sich nach wie vor hartnäckig die Idee hält, dass Schüler*innen mit Behinderung an Förderschulen bessere Unterstützungsmöglichkeiten angeboten werden – sprechen Erfahrungen ehemaliger Förderschüler*innen und Statistiken eine andere Sprache. So beenden rund drei Viertel der Lernenden die Förderschule ohne Abschluss.
Durch die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention hat Deutschland zugesichert, segregierende Schulen abzuschaffen – die Umsetzung ist allerdings nach wie vor mangelhaft.

Der Fall Nenad M.
Ein aktuelles Gerichtsurteil könnte jetzt die Weichen neu stellen: Der ehemalige Förderschüler Nenad M. ging vor Gericht um nachzuweisen, dass bei ihm zu Unrecht eine geistige Behinderung diagnostiziert wurde – und gewann. Gegen seinen Willen musste er 11 Jahre lang Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung besuchen, die ihn nicht nur komplett unterforderten und keine geeigneten Bildungsmöglichkeiten boten, sondern außerdem keine Chance auf eine Qualifizierung für den ersten Arbeitsmarkt ermöglichten. Denn an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung kann man weder Haupt- noch Realschulabschluss machen.
Nun entschied das Gericht, dass Nenad M. ein Schadensersatz durch das Land Nordrhein-Westfalen zusteht.
Wie viel Schadensersatz er erhalten wird, ist noch ungewiss. Die von seiner Anwältin geforderten Verdienstausfallsschäden von 40.000 Euro und 20.000 Euro Schmerzensgeld können die negativen persönlichen und beruflichen Auswirkungen von 11 Jahren Förderbeschulung kaum wettmachen.

Wie fatal und gefährlich unser deutsches System der Aussortierung ist wird klar, wenn man Nenad M.s Schulkarriere betrachtet: Bei seiner Einschulung in Bayern wurde bei dem Jungen im Alter von 7 Jahren ein Intelligenztest durchgeführt, durch den er als geistig behindert eingestuft wurde. Als Konsequenz wurde er einer Förderschule zugewiesen. Trotzdem die Eltern später in ein anderes Bundesland umzogen, wurde Nenad M. nicht erneut getestet – sondern wechselte in Nordrhein-Westfalen direkt wieder in eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Das Ergebnis des Gutachtens aus Bayern aus der Grundschulzeit blieb entscheidend – eine erneute Prüfung bezüglich der geistigen Leistungsfähigkeiten Nenad M.s fand nicht statt. Obwohl der Schüler seine Lehrer*innen immer wieder um einen Schulwechsel bat, bestätigten die Lehrkräfte alljährlich Nenad M.s Förderbedarf und hielten ihn damit gegen seinen Willen an der Förderschule.
Erst mit Hilfe der Vereine mittendrin e.V. und Rom e.V. konnte Nenad M. schließlich auf ein Berufskolleg wechseln und dort im Alter von 18 Jahren seinen Hauptschulabschluss mit Bestnoten ablegen. Ein weiterer Intelligenztest wies zudem nach, dass bei ihm keine geistige Behinderung vorliegt und er ein durchschnittlich intelligenter junger Mann ist. Nenad M. erzählt, dass er in der Schule eigentlich nichts gelernt hätte – sondern sich alles im Selbststudium Zuhause beibrachte. Welches Potential er an einer Regelschule mit entsprechenden Bildungsangeboten hätte entwickeln können, kann man nur erahnen. Deshalb sah das Gericht es als erwiesen an, dass Nenad M. mit 16 Jahren ein Realschulabschluss möglich gewesen wäre, weshalb ihm Verdienstausfallsschäden zustünden.

Förderschulen als Einbahnstraße
Die Geschichte von Nenad M. ist exemplarisch für viele Lernende an Förderschulen und zeigt deutlich das Problem des segregierenden Schulsystems in Deutschland auf: Einmal aus der Regelschule aussortiert – gibt es äußerst selten einen Weg zurück. Obwohl Förderschulen eigentlich einen „Rückführungsauftrag in die Allgemeine Schule“ haben.
Dabei gilt: Je länger ein Lernender auf einer Förderschule ist, desto ausgeprägter ist sein Bildungsdefizit im Vergleich zu Regelschüler*innen. Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Klemm konnte in mehreren Studien für die Bertelsmann Stiftung nachweisen,

dass Förderschülerinnen und -schüler in integrativen Settings gegenüber denen in institutionell separierenden Unterrichtsformen einen deutlichen Leistungsvorsprung aufweisen.

Zu den Bildungsdefiziten kommt die Stigmatisierung. Dr. Brigitte Schumann stellte in ihrer Doktorarbeit “Ich schäme mich ja so!“. Die Sonderschule für Lernbehinderte als Schonraumfalle fest:

‘Das Stigma des Sonderschulbesuchs verringert ihre Ausbildungschancen im regulären Berufsausbildungssystem, auch dann, wenn sie zu den 20 Prozent der Sonderschülerinnen und -schüler gehören, die einen Hauptschulabschluss erworben haben.’ Fast alle Schüler/innen der Sonderschule sind chancenlos bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz im dualen System (…).

Erschreckend ist die vollkommen mangelhafte Überprüfung des Förderbedarfs von Lernenden und der daraus folgenden Aussonderung und falschen Beschulung. Der Verein mittendrin e.V. stellt klar: „Wir wissen von aktuellen Fällen falsch etikettierter Schüler auf Sonderschulen” und berichtet, dass sich nach Bekanntwerden des Falles von Nenad M. weitere Eltern hilfesuchend an den Verein wendeten.
Dabei werden behinderte Menschen durchaus sehr regelmäßig überprüft, wenn es darum geht, Kosten zu verringern. So bekomme ich 1-2 Mal pro Jahr Besuch von Sachbearbeiter*innen, die feststellen, ob meine körperliche Behinderung weiterhin so schwerwiegend ist, dass ich einen Elektro-Rollstuhl, Assistenz usw. benötige. Überprüfungen, die bei Menschen mit meiner Diagnose absurd anmuten. Und zudem mit entwürdigenden und indiskreten Fragen zu meinem Privatleben einhergehen.
Wenn es dann aber – wie bei Nenad M. – um Förderbedarf geht, scheint ein einziges Gutachten aus Kinderzeiten auszureichen. Denn trotz Nenad M.s regelmäßiger Bitten um Schulwechsel erkannten die Sonderpädagogen*innen nicht, dass hier ein Mensch fälschlicherweise als “geistig behindert” eingestuft wurde und sich in einem vollkommen ungeeigneten Schulumfeld befand. Der Verein mittendrin e.V. fordert deshalb:

(…) Überprüfung der Sonderschulen durch unabhängige Experten, um sicher zu stellen, dass Schülerinnen und Schüler mit falschen Diagnosen nicht länger auf Schulen bleiben müssen, die ihnen keine angemessene Bildung bieten können.

Die Erziehungswissenschaftlerin Lisa Pfahl weist im Zusammenhang mit dem Fall Nenad M. auf eine große Gefahr hin:

Sonderschulen brauchen Schüler, damit sie nicht geschlossen werden. Jeder Schüler, der einmal da ist, wird in der Regel auch gehalten.

Neue Chancen
Dass Nenad M. nun Schadensersatz und Schmerzensgeldzahlungen erwartet, lässt hoffen, dass die Bundesländer nun aus Angst vor weiteren Klagen genauer hinschauen.
Der Verein mittendrin e.V. fasst in einer Stellungnahme zusammen:

Der Fall Nenad M. stellt jetzt die gesamte sonderpädagogische Diagnostik auf den Prüfstand. Denn offenbar ist nicht gewährleistet, dass Fehl-Gutachten erkannt und fehlerhafte Einstufungen von Kindern und Jugendlichen korrigiert werden. In der Folge werden junge Menschen ihrer Bildungs- und Berufschancen beraubt.

Zudem wird ein weiteres Mal deutlich, wie dringend Deutschland den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention nachkommen und das aussondernde Schulsystem der Förderschulen beenden muss.
Denn nur durch ein für alle Lernenden offenes Bildungssystem können Fälle wie der von Nenad M. vermieden werden.

(sb)

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Suse Bauer entstanden.

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  1. Intelligenztests verstoßen gegen die Menschenrechte. Sie sind ein Instrument der Diskriminierung und Aussonderung:ttps://ilkas-griffelkasten.com/2016/10/08/begabung-und-intelligenz-als-konstrukte-zur-legitimierung-sozialer-ungleichhei/

  2. Giliell sagt:

    Dieses perfide System geht noch weiter.
    Vor ein paar Jahren haben Kollegen von mir versucht, für einen Schüler einen Nachteilsausgleich im Bereich Rechtschreibung zu bekommen.
    Bei der Feststellung wurde in einer für den Schüler extrem belastenden Situation ein solcher Intelligenztest durchgeführt und dann festgestellt, dass das Kind nicht die erforderlich allgemeine Intelligenz besäße, um an einer Lese-Rechtschreibschwäche zu leiden. Der Junge qualifizierte danach nicht für einen allgemeinen Förderbedarf, dazu war der Test zu gut, und nicht für einen gesonderten Förderbedarf.
    Kurz gesagt, Pech gehabt.
    Der Kollege hat sich danach massiv für eine Wiederholung des Tests eingesetzt.
    Andererseits war es unmöglich, eine irgendwie geartete Untersuchung / Überprüfung für einen syrischen Schüler zu bekommen, der nach unserer Einschätzung unter einem ähnlichen Problem litt: mündlich top, schriftlich auch nach 1 Jahr kaum in der Lage seinen Namen in lateinischen Buchstaben zu schreiben oder einfache Sätze zu lesen.

  3. S. sagt:

    Ganz zustimmen kann ich persönlich leider nicht. In Sachen Inklusion muss sich noch einiges weiterentwickeln. Doch in diesem beschriebenen Fall ist dem Bundesland, in das der Junge bzw. mittlerweile junge Mann, gewechselt hat bzw. den zuständigen Personen ein großer Fehler unterlaufen. Laut eines anderen Artikels sei es Pflicht gewesen, die weitere Beschulung an einer Schule mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, erneut zu überprüfen. Als ich das las, habe ich mich auch gefragt, wie das passieren kann… Doch nun zu pauschalisieren finde ich nicht richtig. Dafür müsste man sich das gesamte System anschauen und ebenso berücksichtigen, dass es leider wenig Fortschritte im Bereich des inklusiven Lernens gibt. Das Wissen an Schulen mit Förderschwerpunkt über Schüler und Schülerinnen mit bestimmten Handicaps findet leider immer noch nur sehr spärlich den Weg in die Regelschulen. Manch fachliche Qualität ist an diesen von Raul verteufelten Schulen leider immer noch besser, als an Regelschulen. Das System benötigt weitere Veränderung, doch die Frage ist, wie diese aussehen sollen. Diese Sicht bzw. Beleuchtung hat mir in dem Text gefehlt. Natürlich verstehe ich den Hintergrund und bin ebenso dafür, dass jeder Mensch das Recht auf Bildung hat. Dennoch ist es eine Frage der Gestaltung der gesamten Rahmenbedingungen. Daran muss sich noch einiges tun. Denn es gibt mit Sicherheit ebenso Beispiele von Kindern und Jugendlichen, die ebenso auf Regelschulen überfordert sind, da entwicklungsförderde Bedingungen fehlen…

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