Role Models: Stella Young

Stella Young
Stella Young

Wenn man mich fragt, wen ich gerne mal treffen würde oder gerne getroffen hätte – dann ist die bereits verstorbene Stella Young eine der ersten, die mir in den Kopf kommt.

Stella Young hat so klar die Probleme benannt, denen wir in einer nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft begegnen: Die Bilder und Bewertungen, von behinderten Menschen hat – ohne überhaupt Menschen mit Behinderung im direkten Umgang, als Freund*innen oder Kolleginnen zu kennen. Für mich ist sie der Inbegriff eines Menschen, der sich niemals einlullen ließ – nicht durch Komplimente und auch nicht durch ständig wiederkehrende Barrieren, deren Bekämpfung oft chancenlos und ermüdend erscheint.

Es ist nichts Neues: Wir alle werden durch unsere Eltern geprägt. Ich wäre heute nicht derjenige, der ich bin, wenn meine Eltern mir nicht immer wieder klar gemacht hätten: Raúl, es ist alles möglich!
Die Eltern von Stella Young waren unter anderem Menschen, die gerne auf Schönmalereien verzichteten, auch wenn es um ihre Tochter und deren Behinderung ging. Als Stella 15 Jahre alt war, wollte der Gemeinderat ihres kleinen Heimatstädtchens in Victoria sie für “besondere Leistungen” auszeichnen. Man sprach Stellas Eltern diesbezüglich an, die allerdings antworteten:

“Das ist ja wirklich sehr nett, es gibt da nur ein offenkundiges Problem – sie hat bisher noch gar nichts besonderes erreicht.” 

Rückblickend stimmte Stella ihren Eltern zu: Sie wäre halt wie all ihre Freund*innen zur Schule gegangen, hätte in ihrer Freizeit ein bisschen im Friseursalon ihrer Mutter ausgeholfen und ansonsten hauptsächlich TV-Serien geschaut.
(Tatsächlich hat Stella Young da etwas untertrieben, denn schon mit 14 Jahren schlug ihr Herz für die Teilhabe behinderter Menschen und sie führte in der Hauptstrasse ihres Wohnortes eine Barrierefreiheitsprüfung durch).

Stella Young prägte den Begriff “Inspiration Porn”, der sich mittlerweile im Sprachgebrauch etabliert hat. Er steht dafür, dass das Leben von behinderten Menschen nicht als Selbstzweck gesehen wird, als etwas Natürliches, das keinerlei Rechtfertigung benötigt – wie bei nichtbehinderten Menschen. Sondern dass es für das Leben von Menschen mit Behinderung einen Grund geben muss, der deren Existenz rechtfertigt: Und zwar als Inspiration für nicht behinderte Menschen. “Schau dieses Kind im Rollstuhl an, wie tapfer es versucht, hinter den anderen Kindern herzufahren und sie einzuholen. Wenn dieses arme Wesen trotz seines so widrigen Lebens nicht seinen Mut verliert – dann kann ich, der*die gesund und kraftvoll bin, doch praktisch alles schaffen! Wie schlimm mein eigenes Leben sich auch gerade anfühlt – hier sehe ich ja: Es gibt jemandem, dem*der geht es schlechter als mir!”.
Behinderte Menschen werden also mißbraucht, um sich über sie zu erheben, um aus dem “Leid der behinderten Existenz” Kraft und Inspiration für das eigene Leben zu schöpfen.
Stella Young benutzt den Begriff “Porn” – Pornografie sehr bewusst – denn hier wird eine Gruppe Menschen benutzt, um Bedürfnisse einer anderen Gruppe von Menschen zu befriedigen: Nichtbehinderte sollen sich inspiriert und motiviert fühlen. Wie sich der dargestellte behinderte Mensch dabei fühlt spielt KEINE Rolle und wird auch zu keinem Zeitpunkt gefragt oder diskutiert.

Stella Young sagte dazu: “Wir wurden belogen. Es wurde uns immer gesagt, dass Behinderung etwas Schlechtes ist. Stimmt aber nicht. Behinderungen sind nichts Schlechtes – und behindert zu sein macht dich nicht außergewöhnlich.”

Stella Young studierte Journalismus und und Pädagogik – und arbeitete u.a. als Lehrerin. Sie war noch recht neu in ihrem Job an ihrer High School, als sich ein Schüler während des Unterrichtes meldete und fragte, wann sie mit ihrer Motivationsrede beginnen würde. Immer wenn Menschen in Rollstühlen in ihre Schule kämen, sagte der Junge, würden sie “inspirierendes Zeug” erzählen. Stella Young wurde damals durch die Reaktion des Jungen bewusst, dass er bisher Menschen mit Behinderung nur als Objekte der Inspiration kennengelernt hatte – und nie als: Lehrer*in, Bäcker*in, Polizist*in, Ärzt*in, Nachbar*in oder Freund*in.
Und dass der Junge damit etwas aussprach, was viele denken und erleben – und ein grundlegendes gesellschaftliches Problem ist.
Stella Young erlebte es unzählige Male – ebenso wie ich und andere behinderte Freunde und Bekannte: Wir wurden von Fremden angesprochen, wie tapfer sie uns fänden, dafür, dass wir uns auf die Straße trauten, dass wir so fröhlich aussähen, trotz unseres schweren Schicksals und uns wurde Kraft gewünscht, unsere Behinderung weiterhin ertragen zu können. Das ist die übliche Spirale des Mitleids, das zu Inspiration Porn führt: Wir werden zu Objekten – während die uns Mut zusprechende Person fühlt, wie gut es ihr im Gegensatz zu uns geht. Und dabei ist es vollkommen egal, dass die betreffende Person es “ja nur gut meint” und aus “bester Motivation heraus” handelt.
Diese Idee, dass Behinderte eigentlich keine wirklichen Menschen sind – sondern Inspirations-Objekte hat sich durch die sozialen Medien massiv verstärkt und verbreitet.

Stella Young stellt in ihrem berühmten TEDx-Talk dem hauptsächlich nichtbehinderten Publikum gegenüber klar: Ja, behinderte Menschen haben tatsächlich oftmals kein leichtes Leben. Und so liegen nichtbehinderte Menschen mit ihrer Vermutung, dass behinderte Menschen es schwerer haben aufgrund ihrer Behinderung durchaus richtig.

Aber: Aus vollkommen anderen Gründen, als üblicherweise vermutet wird. Die Probleme behinderter Menschen haben tatsächlich gar nichts mit unseren behinderten Körpern oder unseren Diagnosen zu tun. Sondern mit den Barrieren, der nicht stattfindenden Teilhabe und den aussondernden Strukturen der Gesellschaft, in der wir leben.

Und hier – und in der Wahrnehmung behinderter Menschen – hat sich in den letzten fünf Jahren seit Stella Youngs Talk noch viel zu wenig getan!
WE are not your inspiration, thank you very much! – Nein danke: Wir sind nicht eure Inspiration! 
Zum Schluss noch ein Lesetipp: 17 things Stella Young wanted you to know.

Stella Young (1982-2014)

studierte Journalistik und Lehramt/Pädagogik, arbeitete zunächst als Lehrerin und dann als Redakteurin für den australischen Fernsehsender ABC für die Website Ramp up. Sie war acht Staffeln lang Host der Sendung No Limits, dem ersten australischen Kulturprogramm von und für Menschen mit Behinderung. Sie war erfolgreich als Comedienne mit ihrem Programm „Tales from the Crip“ und aktiv als Aktivistin in verschiedenen Behindertenrechtsorganisationen.

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Suse Bauer erschienen.
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  1. Das ist ein sehr wichtiges Thema, dass da angesprochen wird. Ich habe noch eine Frage bezüglich der Hilfe für barrierefreie Städte als Nichtbehinderter. Ist es angemessen und hilfreich sich als Nichtbehinderte( oder nur wenig, da ich eine Sprachbehinderung habe) sich dafür einzusetzen, dass ein Bus wieder seine ursprüngliche Strecke fährt, weil sich auf der jetzigen Strecke mehrere Haltestellen ohne barrierefreien Zutritt für den Bus befinden?
    Oder ein andere Sachlage: vor kurzem war ich bei einem Bäcker und beobachtete, dass ein Auto so parkte, dass er den Fußgängerweg teilweise versperrte und den Rollstuhlfahrer, der gerade mit Müh und Not vorbeikam. Ist es da sinnvoll den Autofahrer anzusprechen, oder sollte das lieber der Rollstuhlfahrer machen ( zumal ich sah, dass vorne noch genügend Platz gewesen wäre bis zum Ende) ?

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