Die Kinder der Utopie – ein Inklusions-Abenteuer

20.000 Kinobesucher*innen, 160 Städte, 1.000 Freiwillige – großartige Zahlen, wenn es um einen Dokumentarfilm über Inklusion in Deutschland geht. Für alle, die den Film am Aktionsabend verpasst haben, gibt es “Die Kinder der Utopie” ab sofort überall als DVD im Handel – und als Video on Demand mit deutschen Untertiteln sowie als Hörfilmfassung.

Sechs junge Erwachsene brechen zu einem Wiedersehen auf – zwölf Jahre nach ihrer gemeinsamen Schulzeit in einer inklusiven Grundschule.

Als der Regisseur Hubertus Siegert mich vor über einem Jahr ansprach, ob ich Lust hätte, mir seinen neuen Film über ehemalige Schüler*innen einer Inklusionsklasse anzuschauen, war mein Interesse zugegebenermaßen eher gering. Ich bekomme regelmäßig ähnliche Anfragen zu allen möglichen Inklusions-Projekten – und ich kann einfach nicht alles unterstützen, so toll die Ideen im einzelnen oft sind. Aber dann realisierte ich, dass Hubertus Siegert damals an meiner alten Grundschule den Film “Klassenleben” gedreht hatte. Und den hatte ich vor ein paar Jahren gesehen und toll gefunden.
Also schaute ich mir auch “Die Kinder der Utopie” an – und ich bekam eine Gänsehaut: Alles, was wir Inklusionsaktivist*innen schon so oft in vielen, vielen Worten den Fachleuten, Lehrer*innen, Pädagog*innen, Politiker*innen und Eltern zu erklären versucht hatten, passierte in diesem Dokumentarfilm ganz einfach. Ohne lautes Spektakel, ohne groß angelegte Studien, ohne Drama. Und es kamen auch keine sogenannten Fachleute zu Wort, es gab keine Erklärungen oder Statistiken. Sondern einfach sechs junge Menschen mit und ohne Behinderungen, die Inklusion in ihrer Schulzeit erlebt und gelebt haben. Endlich kamen die echten Expert*innen zu Wort, die (ehemaligen) Kinder.
Ich sagte zu Hubertus Siegert:

“Ja! Der Film ist super – lass uns gemeinsam was draus machen!”

Hubertus Siegert hatte zu dem Zeitpunkt schon den Campaigner Ben Kempas mit im Boot, der Fachmann in Europa für Dokumentarfilmkampagnen. Ich fragte Suse Bauer, mit der ich schon lange gemeinsam bei KRAUTHAUSEN – face to face und re:sponsive arbeite, ob sie uns im Bereich Content-Entwicklung und Social Media unterstützen würde – und so trafen wir uns zu viert in Berlin, um das Projekt “Die Kinder der Utopie” zu starten. Und es wurde ein echtes Abenteuer.
Zu der Zeit war ich absoluter Neuling, was die Filmbranche betraf – und erkannte noch gar nicht, wie visionär Hubertus Siegert den Film von Beginn an geplant hatte: Üblicherweise versucht man Filmprojekte mit Hilfe von Filmförderung finanziell umsetzbar zu machen – was aber auch bedeutet, dass der geförderte Film sich an gewisse Regeln halten muss. Weil Hubertus Siegert aber schon im Vorfeld die Idee hatte, den Film an nur einem Abend mit einem großen Knall in die Kinos zu bringen (ähnlich wie es der Film Embrace zuvor schon geschafft hatte), finanzierte er “Die Kinder der Utopie” komplett aus eigener Tasche.
Was aber auch bedeutete, dass er keine finanziellen Mittel mehr für die Umsetzung eines Kino-Aktionsabends hatte.
Und hier kam ich ins Spiel: Zum einen machte ich mich auf den Weg, um als Inklusions-Aktivist Gelder für das Projekt zu sammeln, zum anderen brauchten wir einen Trägerverein, um überhaupt Gelder bekommen zu dürfen. Da die Sozialhelden bis dato wenig Erfahrung im Bereich Schule und Inklusion hatten, gibt es für mich in Deutschland eigentlich nur einen Verein, der mit geballter Expertise und Erfahrung zum Thema Inklusion in der Schule aufwarten kann: Der mittendrin e.V in Köln.

Das Team hinter der Filmkampagne
Das Team von Links nach Rechts:
Ben Kempas, Tina Sander, Eva Thoms, Christine von Kirschbaum, Hubertus Siegert, Suse Bauer und Raul Krauthausen

Also fuhren Hubertus Siegert, die Journalistin Suse Bauer und ich kurzerhand ins Rheinland und schauten, was der mittendrin e.V. von einer Zusammenarbeit halten würde – eine Menge hielten sie von der Idee! Damit war der Weg gebahnt. Der erste Geldgeber, der an uns glaubte, war die Bertelsmann Stiftung, die uns nicht nur mit einer Spende den Start ermöglichte, sondern deren Projektmanagerin Dr. Ina Döttinger fortan regelmäßig Artikel für die “Die Kinder der Utopie”-Website schrieb. Denn das war etwas, was uns schnell klar wurde: Neben dem Film und dem Aktionsabend, sollte ein nachhaltiges und hochwertiges Produkt entstehen, das auch nach der Aktion weiterleben würde. Und zwar eine Informationsseite angefüllt mit Artikeln über Inklusion, die bisher fehlten – als neuer Debattenbeitrag für eine Diskussion, deren Fronten verhärtet und emotionalisiert waren und sind.

Unter der Leitung von Suse Bauer entstand die Seite “Inklusion unter der Lupe”, angefüllt mit Artikeln u.a. von Ninia LaGrande Binias, Denise Linke, Eva-Maria Thoms und Tina Sanders vom mittendrin e.V., Dr. Ina Döttinger, Prof. Dr. Jutta Schöler, Hans-Werner Bick, Tanja “Rollifräulein” Kollodzieyski, mit verschiedenen Interviews und noch einigem mehr.
Damit konnten wir dann auch weitere Geldgeber*innen überzeugen: Aktion Mensch, SAP, die randstad stiftung und die DATEV.

Raul Krauthausen vor einem Kinoplakat
Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Dokumentarfilme haben in Deutschland ein fundamentales Problem: Sie gehen in der Masse der Filmangebote unter und verlassen die Kinosäle, ohne je wirklich wahrgenommen zu werden. Deshalb sollten “Die Kinder der Utopie” mit einer einzigartigen Aktion an einem Abend (mehr war leider nicht realistisch umsetzbar) in die Kinos kommen.
Die Idee für den Aktionsabend war: Wir müssen Freiwillige davon überzeugen, dass der Film sich so sehr lohnt, dass sie als Pat*innen die Kinovorführungen und im Idealfall noch Diskussionsrunden organisieren. Außerdem würden wir aufrufen, sich bei Interesse an “Die Kinder der Utopie” auf der Internetseite zu registrieren, damit wir die Kinos von der Relevanz des Filmes und dem Bedürfnis der Zuschauer*innen, den Film zu sehen, überzeugen könnten.

Foto von einem ausverkauften Kino-Saal
Premiere des Dokumentarfilms „Kinder der Utopie“ im Kino
(Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de)

Das war der Plan – und der Rest war viel harte Arbeit und auch jede Menge Spaß:
1.000 Freiwillige organisierten in 160 Städten Events für den Aktionsabend am 15. Mai 2019 – jede Veranstaltung war anders, jede voller Herzblut, jede einfach großartig.
Als der große Abend anbrach, kamen immer schneller die Infos rein: “München ausverkauft!”, “Hannover ausverkauft!”, “Lübeck ausverkauft!” und so ging es weiter.
Auf maximal 80 Kinos deutschlandweit hatten wir gehofft – 160 sind es geworden, die meisten waren ausverkauft. Viele spielten den Film aufgrund des großen Erfolges nach.

Was mir das alles gezeigt hat? Inklusion in der Schule ist nicht tot und auch keine Katastrophe – auch wenn das immer wieder in der Presse zu lesen und von Politiker*innen zu hören ist.

Inklusion ist ein Menschenrecht – und eine Idee, deren Zeit jetzt gekommen ist. Ein Bedürfnis, hinter dem tausende Menschen in Deutschland stehen – behinderte und nichtbehinderte.
Der Aktionsabend war keine einmalige Angelegenheit – jetzt geht’s erst richtig los!

Für alle, die den Film am Aktionsabend verpasst haben, gibt es “Die Kinder der Utopie” ab sofort überall als DVD im Handel – und als Video on Demand mit deutschen Untertiteln sowie als Hörfilmfassung.

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  1. Guten Tag Raul Krauthausen, ich war ja auch in dem Kinofilm in Steglitz im „Adria“ und die DVD habe ich freundlicherweise von Raul Krauthausen bekommen. Aktuell wird viel über den Mindestlohn diskutiert, er müsse für alle gelten, und das stimmt ja. Wenn ich aber gucke, welche Berufschancen für die „Kinder der Utopie“ übrig geblieben sind, würde ich für mich persönlich sagen: Das möchte ich auch mit Mindestlohn nicht, das ist das eine. Das andere ist, dass es eine tolle Sache wäre, wenn jeder Mensch, unabhängig von seiner Behinderung, den Mindestlohn erhielte, aber ein Jobangebot hätte er/sie dann auch noch lange nicht und es ist nicht gesagt, dass die Kolleginnen und Kollegen, die Vorgesetzten am Arbeitsplatz respektvoll wären, und wer wollte schon einen Mindestlohn, wenn er sich nicht wohl fühlte am Arbeitsplatz, nur die Arbeiten machen müsste, die sonst keiner erledigen will und den Urlaub nehmen müsste, wenn sonst keiner wollte, etc.

    Der Film, so schön er ist, was das Miteinander der „Kinder der Utopie“ untereinander betrifft, so deutlich zeigt er mir auch, das Inklusion ja eigentlich nicht nur hieße, dass die „Kinder der Utopie“ inklusiv miteinander auskommen können, sondern dass alle es können sollten.

    Inklusion ist mehr als Mindestlohn und wenn sie nur über den Mindestlohn voran getrieben würde, ernteten wieder die, die immer ernten, die Exkludierenden.

    Ich stelle mir vor „Inklusion“ würde mal der Abräumer am Filmmarkt, das Topthema – die Teilnehmer aus „die Kinder der Utopie“ würden in Comicfiguren übertragen, Inspiration wären die Darsteller aus dem realen Film – würden sie etwas daran verdienen? Haben die Darsteller ihrer selbst etwas an dem realen Film verdient? Nicht einmal die Namen finde ich auf der DVD-Box, und im Trailer auch nicht – inspirierende Figuren einer Zukunft, die sie nicht mehr gebrauchen würde für ihren Film, für ihre „Kinder der Utopie“. Verdienen werden daran wieder andere, weil das Thema irgendwann vielleicht „rockt“, aber das Geld rollte nicht für jeden, der das Thema „rockte“.

    So war es immer schon, aber wie kriegt man das geändert? Ich denke es fängt mit Transparenz an, zu zeigen, was das heißt „Diskriminierung“, „Chancenlosigkeit“, nur ein Bild zu sein für Produkte, die dann andere zu Umsatz machen.

    Bei Prominenten ist es nicht nur das Bild, sondern vor allem der Name, später geht es zu Kurt von Schleichers Zeiten ins Voxhaus, aber wo stand denn das jetzt genau? Und warum will da keiner so richtig was wissen?

    Besten Dank Raul Krauthausen, einen schönen Donnerstag.

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