Das komische Spiel zwischen nah und fern

Ein Roboter fährt durch ein Café als Kellner

Mal rückt man uns auf die Pelle, mal sind wir weit weg – bei den Gedanken und überhaupt. Das illustriert für uns Menschen mit Behinderung auch der Umgang mit neuen Robotertechnologien.

Okay, jedes Menschen Leben ist voller Widersprüche. Gewisse Gegensätze erfahren Menschen mit Behinderung indes öfters. Da ist zum Beispiel der komische Umgang mit Distanzen – oft passt es nicht wirklich. Mit drei Beispielen will ich diese beleuchten.

Beispiel 1: Nähe

Sitze ich in meinem Rollstuhl, erfreue mich des Lebens oder mach anderen Unsinn, wird es plötzlich ganz nah. Dann reicht eine Hand heran und berührt meinen Rollstuhl, schiebt ihn an, manövriert ihn, natürlich um zu „helfen“, aber ohne vorher zu fragen. Es kann sein, dass mir dies nicht gefällt, doch dann ist es zu spät – und hat es nicht geklappt, mit der Kommunikation. Man kann dies auch übergriffiges Verhalten nennen. Es passiert manchen Menschen im Rollstuhl ferner, dass ihnen überraschend der Kopf gestreichelt wird, ihnen Dinge von Fremden anvertraut werden, deren persönlicher Inhalt eher für ein intimes Gespräch unter besten Freunden taugte. Schließlich kommt es vor, dass wir zu Beginn eines Smalltalks mit Leuten, die wir kaum kennen, Auskunft über Herkunft, Grad und Auswirkung unserer Behinderung geben sollen, als würde man ein Gespräch mit der Frage nach Schuh-, Körbchen-, oder Hemdengröße beginnen. Möchte ich zum Beispiel nicht immer. Es gäbe ein einfaches Gegenmittel: Checke vorher, ob dein Reden, Fragen oder Verhalten dir selbst gefiele, täte man es mit dir. Wenn nicht, warum sollte es mir?

Beispiel 2: Ferne

Andererseits sind wir auch mal schnell weit weg. Dann finden wir uns in Förderschulen wieder, in Werkstätten oder anderen exklusiven Orten. An der Spitze von Unternehmen, in der Politik, bei Film und Theater sind wir Randerscheinungen. Vielleicht sind wir zu blöd dafür, aber bestimmt nicht zu behindert. Auch bei intimen Beziehungen, bei Sex sprengt es manche Vorstellungswelt im Leben von Menschen ohne Behinderung, sowas inklusiv anzugehen: also daran zu denken, dass die Behinderung einen Menschen nicht automatisch unattraktiver macht. Diese Ferne drückt sich auch im Umgang mit neuen Robotertechnologien aus – und weil diese die Fähigkeit in sich tragen, das Spiel zwischen Nähe und Ferne besser zu ordnen, sind sie mein:

Beispiel 3: Wir Cyborgs

Das Forschungsfeld rund um Robotik ist weit und beflügelt unsere Phantasien seit Jahrzehnten. Oft schwingt die Angst mit, irgendwann von Maschinen beherrscht zu werden, und diese Furcht mag alle Menschen betreffen. Allerdings hegen Leute mit Behinderung womöglich eine konkretere und pragmatischere Einstellung dazu: Immerhin können viele dieser neuen Technologien uns ermächtigen. Die Bloggerin Karin Wilson berichtet von einem Café in Tokio, in dem Roboter von Menschen mit Behinderung gesteuert werden und welche damit Gäste bedienen. In diesem Fall werden nicht nur Jobs für jene geschaffen, die ohne Roboter diesen nicht hätten. Die Robotik schafft auch nicht nur Unabhängigkeit, sondern eine Wechselbeziehung: Menschen mit Behinderung, die oft physische Hilfe in Anspruch nehmen, geben diese wieder zurück. Ich sage euch, der Gedanke daran ist gut; bis zu diesem Punkt. Denn natürlich kommt auch mir der Gedanke einer Entfremdung, wenn ich meinen Kaffee von einem Androiden mit programmierter Ansage bekomme. Solche Cafés drücken eine auf uns alle zukommende Problematik aus.
Moderne Technologie kann uns also näher heranbringen, an das Miteinander mit anderen. Komischerweise dominiert aber auch in diesem Umfeld ein Gedanke der Ferne: Bei den meisten Erfindungen rund um Künstliche Intelligenz für den menschlichen Alltag geht es um soziale Interaktion, um Gesundheitschecks oder Erinnerungen – sie agieren also unabhängig und seltener wird daran gedacht, sie vom Menschen kontrollieren zu lassen, zum Beispiel von einem mit Behinderung.
Moderne Technologie, oder besser deren Gebrauch birgt auch die Gefahr der Bevormundung in sich, und dieser unterliegen Erkrankte, Senioren und eben auch Menschen mit Behinderung. Das kann bedeuten, dass in der Zukunft der ausbleibende Gebrauch einer gewissen den Menschen kontrollierenden Technologie von der Krankenkasse bestraft wird: Schon jetzt gibt es Pillen, deren Einnahme ein Signal an Ärzte senden kann. Wilson erinnert an die TV-Serie „Humans“, in der ein pflegender Android seinem „Herrn“ das Kochen einer gewissen Speise verweigert, weil sie zu fettig und salzig ist. Ist erzwungene Vernunft erstrebenswert? Übrigens ist Vernunft nicht immer, wie in diesem Fall, leicht zu definieren.
Die Bedenken der Menschheit bei Robotern werden auch beflügelt, wenn es um Sex geht. Sowas könne zur gegenseitigen Entfremdung führen, heißt es. Mag sein. Aber dann wird öfters angeführt, „aber“ für Menschen mit Behinderung, die einsam und ohne Sex sind, wäre das ja etwas. Nun, die Barrieren beim Sex für uns sind oft nicht physisch, sondern, wie Wilson korrekt anmerkt, sozialer und kultureller Natur. Wir sollten besser die Stereotypen bekämpfen anstatt Sex-Spielzeuge damit zu beauftragen, die fehlende Nähe zwischen Menschen mit und ohne Behinderung auszugleichen.
Ich glaube also schon, dass mich weniger Angst bei der Vorstellung befällt, ein Cyborg zu werden. Die modernen Technologien geben uns Hände und Füße, Arme und Beine wieder. Sie sind tolle Werkzeuge des Lebens. Warum sie nicht nutzen? Wilson schreibt, schon jetzt empfinde sie ihren Rollstuhl auf psychologischer Ebene wie einen Teil ihres Körpers. Das fühle ich ähnlich.
Auch hier bedarf es eines gedanklichen Perspektivwechsels. Viele Hersteller von Produkten für Menschen mit Behinderung denken mehr über ihre Kunden als mit ihnen. Sie lassen das Konzept „Sicherheit“ das von „Freiheit“ dominieren. So sind Rollstühle in bestimmten Situationen einfach nicht schnell genug – und hier geht es nicht um das Erlebnis, welches so manche Jugendliche hatten, wenn sie versuchten ihr Mofa zu frisieren. Es geht um das Agieren auf Augenhöhe.
Um ein richtiges Maß zwischen Nähe und Ferne hinzukriegen, können moderne Technologien einen großen Beitrag leisten. Das muss die Gesellschaft sich natürlich etwas kosten lassen; auf die Debatten der nächsten Jahrzehnte bin ich gespannt, oft weigert sich die Krankenversicherung ja schon, einen halbwegs vernünftigen Rollstuhl zur Verfügung zu stellen.
Was Robotik aber niemals ändern wird, ist die Einstellung der Menschen. Wann nah und wann fern richtig ist, müssen wir lernen. Durch Abbau von Vorurteil, Paternalismus und Gefühllosigkeit.

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  1. Guten Morgen. Besten Dank Raul Krauthausen für den Beitrag „das komische Spiel zwischen nah und fern“
    Als bildungswegte Social-Media-Nutzerin regt mich der Beitrg direkt zu der Frage an: Was nutzt eigentlich der schönste Digitalpakt für Schulen, wenn die „Leitung“ dann doch als ferne Sackgasse irgendwo hinter den Schulmauern verbleibt und die Schülerschaft sich auch in Zukunft die Nähe zum Bundeskanzleramt durch Vorbeimarschieren erkämpfen muss?
    Das Vorbeidefilieren ist erstens nicht konsequent inklusiv praktiziert, denn nicht jeder ist so mobil, es bis vor die Tür der Kanzlerschaft zu schaffen, und zweitens verlangt es eine völlig unnötige physische Distanzüberwindung, die ja durch eine effektive Vernetzung der Menschen im digitalen Raum gar nicht notwendig wäre.
    Deshalb wundert es mich eben auch, wie begeistert plötzlich regierungsnahe Menschen vom Schuleschwänzen und von Demonstrationen vor ihrer Haustür sind. Sie müssten sich ja vielmehr fragen – wo klemmt denn die digitale Leitung, dass das hier nun so nötig ist?

    Wie hält es denn der politisch verantwortliche Mensch mit der Durchlässigkeit, der Transparenz, wenn es über das kleine „Digi-Reservat“ hinaus geht, das ist für mich die entscheidende Frage.

    Wie ist die Moral von dieser Geschicht´ und wie erklären sich Menschen und Politiker dazu?

    Das bringt mich zum Thema „Hypermoralität“ – die Frage der Haltung und das Abwägen als Ausdruck von Haltung.

    Gerne möchte ich deshalb diesen Beitrag beim Tagesspiegel verlinken (Malte Lehming:
    Die Moralisierung des Allags)

    Wer will die Kommunikation von unten nach oben und zurück denn wirklich nahe bringen?
    Das ist eine praktische Frage an die Verantwortlichen, die sich gerne mit Moral schmücken.

  2. Viele Jahrzehnte war ich manchen Menschen etwas „auffällig“, das weiß ich aus der Erinnerung, auch Erzählungen. Dann aber schaffte ich die Arbeit nicht mehr oft genug, ich fiel aus, war lange und wiederholt arbeitsunfähig, der Gang zum Amtsarzt, dort direkt die Empfehlung, einen Antrag auf einen Behinderungsgrad zu stellen, ich war überrascht, machte das aber, denn ich verlor meine Arbeit, die Pension war kleiner und der Behinderungsgrad ist dafür da, hier sozial kleinere Abmilderungen zu schaffen, seine Feststellung, dass erfuhr ich im Zuge der Feststellung des Behinderungsgrades auch, ist direkt an die Diagnose der Behinderung geknüpft. Mein Behinderungsgrad liegt bei 40%, machte ich noch eine Steuererklärung, das brauche ich nicht, meine Steuerakte ist geschlossen, hätte ich darüber eine kleine Vergünstigung. Das ist soweit alles ok für mich. Anstrengender sind einige Leute um mich rum, vor allem auch bei Social Media. Die Einen meinen, ich könne arbeiten, obwohl Sie nicht dafür zuständig sind und auch keinen Einblick in mein Leben haben. Diese kommen oft aus dem rechten Spektrum und finden, die ganzen faulen „sog. Arbeitsunfähigen“ könnten schon alle arbeiten. Die anderen umgarnen mich mit der Idee, ich wäre bestimmt Autistin und würde mit meinen Fähigkeiten gar nicht erkannt, ich solle mir bloß eine Diagnose „holen“ als Autistin, die ich ganz gewiss wäre. Dann gibt es wieder die, die finden, ich wäre zwar nicht normal und auch nicht arbeitsfähig, aber ein Ehrenamt, wo ich soviel Zeit hätte, das wäre ja wohl das mindeste. Dann gibt es die, die neidisch beäugen, wie ich meine Einkäufe nach Hause trage – „die muss Geld haben, obwohl die immer frei hat!“

    Es ist so, dass alles, was ich mache, seit ich im Ruhestand bin und behindert, und dies auch offen lebe, ohne Geheimniskrämerei oder Verdruckstheit, von einer größer werdenden Zahl von Menschen in Frage gestellt wird, so kommt mir der gesellschaftliche Wind vor. Die Zahl derer, die sich selbst für berufen halten, andere Menschen zu diagnostizieren, ihre Arbeitsfähigkeit festzustellen, ihr Leben als Arbeitsunfähige gering zu schätzen, abzuwerten,

    nicht gelten zu lassen, wenn ihnen derjenige nicht einen Nutzen stiftet, den diese Antidemokraten sich wünschen, wächst und die Zahl derer, die dagegen hält, gegen diesen verächtlichen Umgang mit Arbeitsunfähigen und behinderten Menschen, ist nicht gut vernehmbar bisher.

    Als ich noch arbeitete, waren es doch die gleichen Vertreter, die mich fern haben wollten – jetzt, tun sie so, als verlangten sie es zum „Ehrentarif“, Nähe wollen die noch immer nicht, aber das der behinderte Mensch nach ihrer Pfeife tanze, das mögen die schon…

    Das stimmt mich wirklich unwirsch sowas. Auf der anderen Seite gibt es tatsächlich, wie die Hollywood Review – Raul verlinkte diese dankenswerter Weise – schrieb, wohlhabende Akteure, die sich ihre „Behindertenansprüche“ auf ihre Weise erstreiten, auch bei uns.

    Bei Social Media wird mit einiger Energie nach potenziellen Autisten „gefischt“, das habe ich vor Jahren relativ massiv so erlebt über Social Media. Mich hatte das sehr irritiert, da hätte ich gerne gewusst, ob es mehr Menschen gibt, die die Erfahrung gemacht haben, dass sich Interessenten für ihre Diagnose interessieren und zwar für eine bestimmte Diagnose. Ohne Diagnose interessierte sich kein Mensch mehr für mich, als ich arbeitsunfähig wurde, dann aber trat der „Diagnose-Markt“ an mich heran und plötzlich schien es wieder um was zu gehen.
    Auch in Zeitungsforen, wie dem Tagesspiegel, kommt es vor, dass Foristen eine Weile diskutieren, und am Ende Anspielungen auf den geistigen Zustand in die Debatte bringen, um sich selbst machtvoll durch zusetzen. Das sind Trolle, die wollen Behinderte fern haben, auch im Forum ist es ihnen noch nicht fern genug.

    Ich finde, Diagnosen sind kein „Marktprodukt“, sie gehören nur eben zum Menschen dazu und erklären manchmal etwas zu dem, was ein Mensch machen kann und was nicht.

    Keiner soll sich dadurch einschüchtern lassen, das finde ich wichtig.

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