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Raul Krauthausen - Aktivist

Jahresendgedanken

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Die Kombination aller Minderheiten ist keine Mehrheit!

sagt ein SPD-Politiker im Deutschlandfunk und ich halte inne.
Üblicherweise geht es um Mehrheiten – Mehrheiten im Bundestag (am liebsten sind da absolute Mehrheiten), die Mehrheitsgesellschaft, die bestimmt, was wichtig und richtig ist.
Minderheiten sind unsexy, man kann mit ihnen nicht wirklich was anfangen. Eine Minderheitsregierung klingt unschön, instabil, riskant. Wieder die SPD warnt fahrlässig, dass eine Minderheitsregierung in Deutschland ganz Europa zum Beben bringen könnte.

Ich gehöre eindeutig zu einer Minderheit – und das wird sich zeitlebens auch nicht mehr ändern. Immer wieder habe ich das Gefühl, dass wir Menschen mit Behinderung auf verlorenem Posten kämpfen: Einen Schritt vor und zwei zurück. Wir wurden zwar endlich mit unseren Forderungen bezüglich des Bundesteilhabegesetzes wahrgenommen – dann mit einer Fassung des Gesetzes abgestraft, die uns im schlimmsten Fall ins Heim zwingen kann, wenn die Heimunterbringung finanziell günstiger ist als das Leben mit Assistenz in den eigenen vier Wänden.
Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat uns im Endeffekt keine Verbesserung gebracht.

Das Thema Assistenz wird Menschen mit Behinderung häufig als Privileg ausgelegt – etwas, dass es uns ermöglicht, auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben zu führen.
Tatsächlich bewirkt Assistenz lediglich eines: Ein maximal selbstbestimmtes Leben zu leben – relativ nah an den Möglichkeiten nicht behinderter Menschen.
Sobald aber ein Rädchen im System nicht funktioniert, wird es schwierig.
Ich liege momentan im Bett. Mich hat es zum Ende des Jahres erwischt und ein Oberschenkelbruch muss auskuriert werden. Nach dem Unfall, der zum Beinbruch führte, musste ich ins Krankenhaus – und das bedeutete für mich: Kein Recht auf Assistenz.
Sobald ein Mensch mit Behinderung im Krankenhaus ist, wird die Assistenz nicht weiter bezahlt. Man kann sich vielleicht vorstellen, was das bedeutet: Auf Pflegepersonal angewiesen zu sein, das nicht auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingestellt ist – in meinem Fall mit einem sehr schmerzhaften und auch potentiell riskanten Bruch. Bei neuen Assistenten kam es bei mir schon manches Mal zum Rippenbruch, weil die Erfahrung im Umgang mit Glasknochen fehlte – wie soll das werden, wenn ich in jeder Schicht von wechselndem Pflegepersonal versorgt werde?
Das Problem endet nicht, als ich aus dem Krankenhaus entlassen werde.
Da ich berufstätig bin, gibt es für mich zum einen Arbeitsassistenz für meine tägliche Zeit im Büro, bei Vorträgen usw. Und so genannte “Hilfe zur Pflege” für alles, bei dem ich Zuhause Hilfe benötige. Die Aufgaben der jeweiligen Assistenten*innen überschneiden sich. So brauche ich Zuhause Hilfe bei der Essenszubereitung – ebenso wie am Arbeitsplatz. Wenn ich nun aber im Bett liegen muss, kann ich nicht ins Büro und eben auch nicht die Arbeitsassistenz wahrnehmen. Die “Hilfe zur Pflege” deckt bei mir aber nur die Vormittags- und Abendstunden ab: Bis 12:00 Uhr mittags und wieder ab 18:00 Uhr. Ihr seht das Problem: In den Stunden, die dazwischen liegen, kann ich nicht essen, nicht auf die Toilette usw.
Wie wenig Assistenz mit Luxus zu tun hat, merkt man besonders, wenn man sie nicht hat. Und wie schnell dann ein relativ selbstbestimmtes Leben zum Erliegen kommen kann, wenn das System nicht funktioniert.
Und das lässt meine Gedanken wieder um einen Punkt kreisen: Dass wir Menschen mit Behinderung oftmals nur als Kostenfaktor gesehen werden.
Dass ich hier tagsüber rumliege ohne Assistenz, mit Wasserflasche (aber bloß nicht zuviel trinken, denn auf die Toilette komme ich mit gebrochenem Bein und ohne Assistenz ja nicht alleine) und Pausenbrot im Bett – ist eine Kostenfrage. So belastend die Situation gerade ist: Sie ist temporär.
Anders als bei Menschen mit Behinderung, die aus Kostengründen ins Heim gezwungen werden sollen. Die noch geschäftsführende Regierung feierte das Bundesteilhabegesetz als großen Erfolg für behinderte Menschen – wir Betroffenen sehen und erleben das vollkommen anders in unserer täglichen Lebensrealität.
Und hier wird und muss unsere Aktivität mit einer neuen Regierung auch weitergehen: Damit es ein Ende hat, Menschen mit Behinderung nur als Kostenfaktor zu sehen, der möglichst gering gehalten werden muss, an dem man schnell nochmal effektiv einsparen kann. Und das vorallem, weil Menschen mit Behinderung nach wie vor systematisch ausgesondert werden und keine Lobby haben. Das wird wieder Mal besonders deutlich, wenn Landesregierungen laut und ohne Scham sagen dürfen: Wir stoppen die (Schul-)Inklusion jetzt.
Und die noch geschäftsführende Bundeskanzlerin diese Schritte rücksichtslos unterstützt.

Im letzten Jahrhundert hat sich in Sachen Behindertenrechte einiges getan, das Bild vom typischen behinderten Menschen in der Öffentlichkeit hat sich stark gewandelt: Vom *Kriegsversehrten”, zum “Sorgenkind” hin zum Menschen, der in der Mitte der Gesellschaft ankommen soll. Das Wort Inklusion wurde gerade im letzten Jahr so oft für alles Mögliche verwendet, dass es seinen Sinn manches Mal schon verloren hat.
Und immer noch glauben viele – auch Politiker*innen -, dass Inklusion irgendwie “nice to have” und “kann man machen, wenn man genügend Geld übrig hat” beinhaltet.
Ignoriert wird dabei, dass Inklusion gleichermaßen Pflicht wie Recht ist.
Die UN-Behindertenrechtskonvention hat klare Anweisungen zum Beispiel zum Thema inklusive Bildung: Im Artikel 24 “garantieren die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen. Der Normalfall soll danach sein, dass Kinder nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden” (Artikel 24 Abs.2 a). Das allgemeine Bildungssystem soll jedem zugänglich sein. Ziel ist also der gemeinsame Schulbesuch von behinderten und nicht behinderten Kindern in einer Regelschule als “Normalfall” — es soll keine Ausnahme sein.”
Ein inklusives Schulsystem kommt allerdings nicht nur behinderten Schülern*innen zugute – sondern allen. Und je mehr ich auf die sozialen Probleme unseres reichen Landes schaue, desto mehr denke ich, dass viele gute und kompetente Menschen an Einzelfronten kämpfen: Menschen mit Behinderung, Menschen, die um eine gute Bildung für alle Kinder eintreten, die gegen Kinderarmut aktiv sind, Menschen, die sich gegen Rassismus und gegen Diskriminierung aufgrund religiöser Hintergründe auflehnen. Und immernoch und nach wie vor Menschen, die sich gegen Sexismus stark machen. Es ist an der Zeit, uns alle stärker als Alliierte wahrzunehmen und zu sehen, wo sich unsere Ziele überschneiden und wir zusammenarbeiten können.
Wir müssen von der Frauenbewegung lernen: Nie aufzugeben, einen langen Atem zu behalten, immer wieder in die schwelenden Wunden zu stechen, auch wenn man dafür verhöhnt und niedergemacht wird. Die #MeToo-Debatte und ähnliche Diskussionen zum Thema Sexismus des fast vergangenen Jahres zeigen, wie weit der Weg für Frauen noch ist, wie viel noch erkämpft werden muss und wie weit wir noch von echter Gleichberechtigung entfernt sind.
Und so wie Feminismus allen – auch uns Männern – hilft, bringt Inklusion allen Menschen – ob behindert oder nicht – eine vielfältige und die Eigenheiten jedes Einzelnen wertschätzende Gesellschaft.

Ich denke noch einmal an den Politiker aus dem Deutschlandfunk-Interview und widerspreche: Doch! Minderheiten können zur Mehrheit werden – in einer bunten Gesellschaft.

Lasst uns 2018 zum Jahr der Alliierten machen!

(sb)

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(Foto: Jörg Farys, Gesellschaftsbilder.de)

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  1. Es geht nicht um Kekse. – Von unfreiwilligen Krisenexperimenten | 10. Februar 2018

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